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Wolfgang Mühlfriedel
Edith Hellmuth
Carl Zeiss in Jena
1945-1990
2004
BÖHLAU VERLAG KÖLN WEIMAR WIEN
[Seite 3]
ERSTES KAPITEL
Das Zeiss-Werk unter amerikanischer Kontrolle
Das Ende der NS-Herrschaft in Jena
Am 11. April 1945, einem Mittwoch, gaben die Sirenen auf den Dächern der Stadt Jena jenen gleichbleibenden Ton, der den Offizieren und Soldaten der Jenaer Garnison, den NSDAP-Amtsträgern und den Einwohnern anzeigte, daß sich die Kampffront der Stadt nähert. Der nationalsozialistische Oberbürgermeister übergab dem Leiter des städtischen Ernährungs- und Wirtschaftsamts die Amtsgeschäfte und bemerkte dazu: „Ich bin politisch so exponiert, daß ich den Befehl erhalten habe, mich mit dem Volkssturm abzusetzen, sobald Feindalarm ausgelöst wird. Nun ist es soweit".{1} Die Wehrmachtsoffiziere bezogen mit ihren Männern das Ostufer der Saale, um die Verteidigungslinie gegen die amerikanischen Truppen zu errichten. Pioniere bereiteten die Sprengung von kommunalen Versorgungseinrichtungen und der Saalebrücken vor. Dr. Heinrich Küppenbender, der Betriebsführer und Geschäftsleiter der Firma Carl Zeiss, unternahm alles noch in seiner Kraft stehende, um Wehrmachtseinheiten davon abzuhalten, auf dem Werksgelände Widerstandsnester einzurichten und Gebäude zu sprengen. Er hatte in den letzten Wochen seine guten Beziehungen zum Minister für Rüstung und Kriegsproduktion, Albert Speer, genutzt, um zu verhindern, daß der Befehl „Verbrannte Erde", den Adolf Hitler am 19. März 1945 erlassen hatte {2}, in Jena vollzogen wird. Gleichzeitig versicherte sich Heinrich Küppenbender der Unterstützung innerhalb der Belegschaft. Daran erinnerte sich der Werkmeister in der Justiererei, Ernst Hädrich, nach dem Krieg:
„In der letzten Woche vor dem Einmarsch der Amerikaner suchte er (Heinrich Küppenbender d. V.) mich zweimal auf. Ich spürte, daß er innerlich außerordentlich bewegt war. Er sagte mir, die Partei (NSDAP d. V.) wolle Jena verteidigen. Ob die Gefolgschaft mitmache? Ich antwortete ihm, daß alle Männer und Frauen meiner Abteilung dies für einen Wahnwitz halten und nicht mitmachen würden. Herr Dr. Küppenbender sagte darauf, das sei noch nicht alles. Die Kerle wollten das Zeiss- und das Schott-Werk, ebenso die Saalebrücken in die Luft jagen. Ich war über diese Nachricht empört und sagte, das ist ja nicht zu glauben. Herr Dr. Küppenbender fragte darauf, ob die Gefolgschaft hinter ihm stehen würde, wenn er die Sprengung gegen den Willen der Partei und der Wehrmacht verhindere. Als ich dies ihm auf der Stelle bejahte sagte er, er sei entschlossen, das zu vereiteln, auch wenn es ihm den Kopf kosten würde. Einen solchen Wahnwitz mache
{1} Zitiert in: Wißt ihr noch vor zwanzig Jahren. Herausgegeben zum 20. Jahrestag der Gründung des Freien Deutschen Gewerkschaftsbundes vorn FDGB-Kreisvorstand Jena, Jena 1965, S. 8.
{2} Das III. Reich 1939-1945. Eine Tageschronik der Politik, Wirtschaft, Kultur, Augsburg 1991, S. 592.
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er nicht mit, wenn er in diesem Kampf gegen die Partei unterliegen sollte, so möchte ich, bat er, allen Arbeitskameraden sagen, daß er als anständiger Mensch für das Werk auf der Strecke geblieben sei" {3}
Bei den Hitlergegnern in der Bevölkerung mischte sich die Hoffnung auf die Befreiung vom Nationalsozialismus mit der Sorge, daß die zu erwartenden Kampfhandlungen in letzter Minute die Stadt weiter zerstören und Opfer unter der Zivilbevölkerung kosten könnten. Die Stimmung der überwiegenden Mehrheit der Einwohner war von der Erwartung, daß der Krieg endlich vorbei ist, der Furcht vor bevorstehenden Kampfhandlungen und der Ungewißheit über das Verhalten der Amerikaner gegenüber den Deutschen geprägt. Die ausländischen Arbeitskräfte und Kriegsgefangenen erwarteten sehnsüchtig den Einmarsch der Amerikaner und ihre Rückkehr in die Heimat.
Am 13. April 1945 rückten die Soldaten der 4. Panzer- und der 80. InfantrieDivision, durch das Mühltal kommend, in die Innenstadt vor. Um den Amerikanern den Übergang über die Saale zu erschweren, hatten Wehrmachtspioniere am 12. April 1945 die Saalebrücken gesprengt Davon ließen sich die Amerikaner nicht aufhalten. Sie setzten über die Saale und drängten die Wehrmachtsverbände weiter nach Osten. In Jena zerfielen innerhalb weniger Stunden die nationalsozialistischen Herrschaftsstrukturen. Noch bevor die amerikanischen Truppen die Jenaer Innenstadt vollständig besetzt hatten, erschien ein amerikanisches Vorauskommando im Zeiss-Hauptwerk und suchte den Kontakt zu Heinrich Küppenbender.{4}
Als die amerikanischen Militärs das Zeiss-Werk besetzten, befand sich das Jenaer Unternehmen in einer existenzbedrohenden Krise. Seine Integration in das NS-Regime und insbesondere die zunehmende Ausrichtung der Forschung, Entwicklung und Fertigung auf die Rüstungsbelange sowie die Schwächung des innovativen Potenzials durch den Abzug von Fachkräften für den Kriegsdienst hatten dazu geführt, daß das Zeiss-Werk auf wichtigen Gebieten des optischen Präzisionsgerätebaus den Vorsprung vor internationalen Konkurrenten verloren hatte. Hinzu kamen die erheblichen Verluste an Vermögenswerten aus der Vorkriegszeit in den Ländern, gegen die das Dritte Reich Krieg geführt hatte oder die von deutschen Truppen besetzt worden waren, und durch die Luftangriffe auf die Werksanlagen in Jena.{5}
Der Höhepunkt dieser Krise war zweifellos die nahezu komplette Demontage des Werkes durch die UdSSR Ende 1946/Anfang 1947.
Die amerikanischen Militärs übernahmen unmittelbar nach ihrem Einrücken in Jena die Kontrolle über das Zeiss-Werk. Die Geschäftsleiter mußten alle wesentlichen Entscheidungen von den Offizieren der Militärkommission genehmigen lassen. Die Geschäftsleiter verstanden es, die Beziehungen zu den Besatzungsoffizieren sachlich und bisweilen vertrauensvoll zu gestalten. Der Geschäftsleiter Paul Henrichs berichtete am 14. Juni 1945 dem Bankier Joseph
{3} BACZ Nr. 15139 (Erinnerungen von Werkmeister Ernst Hädrich).
{4} Hermann: Nur der Name war geblieben. S. 10-12.
{5} Walter: Zeiss 1905-1945, S. 163-262, insbesondere S. 239-262.
Das Zeiss-Werk unter amerikanischer Kontrolle [Seite 5]
[Bild 1]
Abb. I Hauptwerk 1945, Bombenschäden am Bau 13 und 15
Abs von einem amerikanischen Offizier „unter dessen Kontrolle wir arbeiten und der uns andererseits besonders in den ersten Wochen guten Schutz gewährt hat".{6}
Kennzeichnend für das Ende der NS-Herrschaft war auch, daß sich Mitglieder des Betriebsrates, die bis zum Frühjahr 1933 die Interessen der Belegschaft gegenüber der Geschäftsleitung im Zeiss-Werk wahrgenommen hatten und von den Nationalsozialisten aus ihren Funktionen entfernt worden waren, nach der Besetzung der Stadt durch amerikanische Truppen wieder zusammenfanden. Die Initiative dazu ging von Otto Marquardt aus, der von 1930 bis 1933 den Vorsitz des Betriebsrates inne hatte. Der Optiker war am 15. April 1945 an seinen Arbeitsplatz in der Optik-Justiererei II zurückgekehrt und hatte Kontakt zu seinen ehemaligen Betriebsratskollegen aufgenommen, um mit ihnen gemeinsam die demokratische Belegschaftsvertretung wieder zu begründen. Mit einigen Kollegen suchte er am 21. April 1945 den Leiter der Planungsstelle, Dr. Hugo Schrade, auf, um mit ihm dieses Vorhaben zu erörtern. Hugo Schrade hatte Anfang der dreißiger Jahre in der Personalhauptleitung eine maßgebliche Rolle gespielt und war ebenso wie Otto Marquardt von den Nationalsozialisten verfolgt worden. Er war für Otto Marquardt eine Vertrauensperson, mit der er den Aufbau der Belegschaftsvertretung besprechen konnte. Da nicht bekannt war, ob die amerikanische
{6} BACZ Nr.22825 (alt) (Schreiben Paul Henrichs an Joseph Abs vom 14. Juni 1945); Schumann: Carl Zeiss. Einst und Jetzt, S. 595.
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Militärregierung Betriebsräte zulassen würde, wählte Otto Marquardt für die Belegschaftsvertretung die Bezeichnung Arbeiter- und Angestellten-Ausschuß. Ein solches Gremium war im Statut der Carl-Zeiss-Stiftung verankert.{7} Diesem Ausschuß wollte Otto Marquardt die Rechte und Pflichten eines Betriebsrates sichern. Mit Hugo Schrade erörterte Otto Marquardt inhaltliche Probleme, die umgehend gelöst werden mußten. Das betraf in erster Linie die Tilgung aller Bestimmungen, die auf Druck der Nationalsozialisten in das Stiftungsstatut eingefügt worden waren und dem Abbeschen Geist widersprachen, sowie die weitere Gültigkeit des Statuts. Sodann ging es um die Aufhebung der Maßregelungen, die von der Geschäftsleitung aufgrund der nationalsozialistischen Gesetzgebung gegen Belegschaftsmitglieder ausgesprochen worden waren.
Zwei Tage später trafen sich die Initiatoren des Arbeiter- und Angestellten-Ausschusses mit Heinrich Küppenbender, um aktuelle und prinzipielle Probleme zu besprechen.{8}
Nach den Wahlen der Ausschußmitglieder, Abteilungsvertreter und Kommissionsmitglieder zwischen dem 27. April und dem 6. Mai 1945 trafen sich am 7. Mai 1945 die Belegschaftsvertreter zur konstituierenden Sitzung des Arbeiter- und Angestellten-Ausschusses und beschlossen, auf der Grundlage des Stiftungsstatuts von 1933, des Arbeitsvertrags von 1928, des Pensionsstatuts vom 1. Januar 1939 und der Satzungen der Betriebskrankenkasse vom 1. März 1930 zu arbeiten.{9} Die Ausschuß-Mitglieder konzentrierten sich in den ersten Monaten ihrer Tätigkeit auf die Säuberung des Zeiss-Unternehmens von den Hinterlassenschaften des NS-Regimes.
Das erste Konversionsprogramm
Wenige Tage nach der militärischen Besetzung des Zeiss-Werkes entwarf Heinrich Küppenbender ein Konversionsprogramm, das die Maßnahmen für die unmittelbaren Nachkriegsmonate enthielt. Dazu gehörte das am 19. April 1945 verfaßte Fertigungsprogramm und die weitreichenden Veränderungen in der Belegschaft. Bei der Planung der Fertigung ging der Geschäftsleiter von dem absehbaren Bedarf an Zeiss-Erzeugnissen in der ersten Nachkriegszeit aus. Er stellte die Fertigung von Brillengläsern, Photo-Objektiven und ausgewählten optischen Präzisionsgeräten in den Mittelpunkt des zu produzierenden Sortiments. Das lassen die Zahlen über die Verteilung der Arbeitskräfte auf die Betriebs- bzw. Fertigungsabteilungen und die Aufteilung der vorgesehenen Fertigungsstunden erkennen. Danach sollten von der künftigen Gesamtbelegschaft 25,5 bzw. 28,5 Prozent in den Laboratorien, Konstruktionsbüros sowie in der Verwaltung und 74,5 bzw. 71,5 Prozent in den Betriebsabteilungen beschäftigt
{7} Hellmuth/Mühlfriedel: Die Firma Carl Zeiss Jena 1933-1939, S. 250-258.
{8} Mühlfriedel/ Hellmuth: Das Tagebuch des Betriebsrates, S. 194.
{9} Mühlfriedel/Hellmill II: Das Tagebuch des Betriebsrates, S. 195.
Das Zeiss-Werk unter amerikanischer Kontrolle [Seite 7]
werden.{10} Die Tabelle 1 im Tabellenanhang gibt einen Ein blick in den Küppenbender-Plan.
Ausgehend von diesem Plan begann am 18. Mai 1945 Karl Müller in der Planungsstelle mit der Ausarbeitung des Fertigungsprogramms für Brillengläser. Dieses Programm, das am 13. Juni 1945 vorlag, sollte bis zum Oktober 1945 abgearbeitet sein. Es wies neben Anzahl und Art der Gläser auch aus, welche Stückzahlen pro Monat zu fertigen waren.{11}
Als Heinrich Küppenbender am 19. April 1945 einem Major der amerikanischen Militärkommission die Maßnahmen vortrug, die für die Aufnahme der Fertigung unerläßlich waren, erfuhr er, daß die amerikanischen und britischen Streitkräfte verschiedene Anforderungen an das Zeiss-Werk richten werden, die im Zusammenhang mit den Kampfhandlungen in Ostasien standen. Die amerikanischen Offiziere bestellten 4.105 Feldstecher, 1.200 Zielfernrohre für Gewehre, die bis Herbst 1945, und 5.000 Zielfernrohre, die im kommenden Jahr zu liefern waren. Darüber hinaus erteilten die Amerikaner Aufträge für Entfernungsmesser verschiedener Bauweisen.{12} Wenig später kamen weitere Aufträge für optische Militärerzeugnisse hinzu. Im Laufe des Monats Mai 1945 unterbreitete die Geschäftsleitung der amerikanischen Militärkommission die entsprechenden Angebote. Seit dem 8. Mai 1945 berichtete die Geschäftsleitung dem amerikanischen Hauskommandanten regelmäßig über die laufende Produktion.{13} Die amerikanischen Aufträge veranlaßten Heinrich Küppenbender am 14.Juni 1945 Joseph Abs mitzuteilen: „Wir haben alsbald mit Zustimmung der Besatzungsmacht die Fabrikation wieder aufgenommen."{14} Das betraf aber nur wenige Werkstätten und war auch der Grund, weshalb ein zeitgenössischer Bericht festhält: „In der Zeit der amerikanischen Besatzung ruhte praktisch die Produktionstätigkeit. Ausnahme: Kleine Komplettierungsarbeiten an angefangenen Geräten, die nach der Fertigstellung von Amerikanern bis zum 30. Juni übernommen wurden."{15}
Die Arbeiter und Angestellten, die sich nach und nach wieder an ihren Arbeitsplätzen einfänden, führten hauptsächlich Aufräumungsarbeiten in den Laboratorien, Konstruktionsbüros, Werkstätten und auf dem Werksgelände aus.{16} Ein größerer Teil der Zeiss-Arbeiter beteiligte sich an Instandsetzungsarbeiten in der Stadt.
In den ersten Nachkriegswochen veränderte sich die Zusammensetzung der Belegschaft. Auf Anordnung der amerikanischen Militärregierung schieden zum
{10} Zusammengestellt und errechnet nach BACZ Nr. 26785 (alt) (Jahresberichte der Abteilungen 1945).
{11} BACZ Nr. S 95 (Bericht des Technischen Direktors); Nr. 8000 (Fertigungsprogramme in der amerikanischen Besatzungszeit).
{12} BACZ Nr. 26785 (alt) (Jahresberichte der Abteilungen 1945).
{13} BACZ Nr. 4882 (Militärische Abteilung. USA. Allgemeiner Band I); Nr. 6146 (Namentliche Aufstellung der amerikanischen Militärkommission).
{14} Archiv Mühlfriedel (Schreiben von Heinrich Kiippenbender an Joseph Abs vom 14. Juni 1945).
{15} (Zeitzeugenbericht).
{16} BACZ Nr. 26785 (alt) (Jahresberichte der Abteilungen 1945).
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20. April 1945 die ausländischen Arbeitskräfte aus dem Zeiss-Werk aus. Das waren nach dem Stand vom 31. März 1945 29,8 Prozent aller Beschäftigten.{17} Zwischen April und Juni 1945 erhielten 71,2 Prozent der deutschen Arbeitskräfte, die während des Krieges ins Werk gekommen waren und in der Belegschaftsstatistik als „Kriegseingestellte" geführt wurden, die Entlassungspapiere. Ein kleiner Teil von ihnen wurde in die reguläre Zeiss-Belegschaft übernommen. Bis Juni 1945 trennte sich das Zeiss-Werk auch von 75,4 Prozent der Arbeitskräfte, die in den letzten Kriegsjahren dienstverpflichtet worden waren. Diese beiden Beschäftigtengruppen machten im März 1945 18,8 bzw. 3,5 Prozent der gesamten Belegschaft aus. Die Zeiss-Stammbelegschaft bestand zu diesem Zeitpunkt lediglich aus 41,1 Prozent der Beschäftigten. Des Weiteren pensionierte die Geschäftsleitung in diesen Wochen 337 Arbeiter und Angestellte, die 60 Jahre und älter waren. Durch diese Entlassungen veränderte sich zwischen März und Juni 1945 die Belegschaftsstruktur. Der Arbeiteranteil an den Beschäftigten verringerte sich von 74,2 auf 55,4 Prozent, und der Anteil der weiblichen Arbeitskräfte sank von 37,2 auf 18,7 Prozent.{18}
In den letzten Kriegswochen waren Mitarbeiter aus den verschiedenen Zeiss-Unternehmen außerhalb Deutschlands nach Jena zurückgekehrt. In der Personalhauptleitung meldeten sich auch die Belegschaftsmitglieder, die von alliierten Streitkräften aus nationalsozialistischen Konzentrationslagern und Zuchthäusern befreit worden waren. Nach der bedingungslosen Kapitulation der Wehrmacht kamen die ersten Zeissianer aus der Kriegsgefangenschaft zurück. Zugleich mußten immer wieder Werksangehörige aus den Personallisten gestrichen werden, von denen bekannt wurde, daß sie noch kurz vor Kriegsende an der Front oder durch Luftangriffe ums Leben gekommen waren.
Die „Carl-Zeiss-Werk-Mission"
Während Heinrich Küppenbender das erste Konversionsprogramm erarbeitete und die Wiederaufnahme der Fertigung vorbereiten ließ, informierten sich seit Ende April 1945 amerikanische Offiziere eingehend über die Gerätefertigung während des Zweiten Weltkrieges, die Forschungs- und Entwicklungseinrichtungen, den Maschinenpark, die Elektroenergieversorgung, die Beschäftigten, die Zulieferfirmen, den Rohstoff- und Materialbedarf, die Absatzgebiete, die Kapitalbeteiligungen usw. Ihr besonderes Interesse galt den geschäftlichen Beziehungen des Zeiss-Konzerns zu den Japanern. Vor allem untersuchten sie, welche optischen Militärgeräte in das Kaiserreich geliefert worden waren.
{17} BACZ Nr. 27981 (Zivilausländer nach Nationalitäten. Stand: 31. März 1945). Danach beschäftigte das Zeiss-Werk insgesamt 3.899 Zivilausländer aus 22 Nationen. Darunter befanden sich 26,7 Prozent Russen, 23,5 Prozent Belgier, 8,8 Prozent Italiener, 7,8 Prozent Holländer und 4,7 Prozent Tschechoslowaken. Von den Zivilausländern waren 28 Prozent weiblichen Geschlechts.
{18} Zusanimengestellt und errechnet nach BACZ Nr. 11141 (Personalübersicht. März 1945).
Das Zeiss-Werk unter amerikanischer Kontrolle [Seite 9]
Als sich Ende Mai 1945 immer deutlicher abzeichnete, daß die US-Administration die in Jalta zwischen den drei alliierten Regierungschefs getroffene Vereinbarung über die Aufteilung Deutschlands und die damit verbundenen Demarkationslinien zwischen den Besatzungszonen respektieren wird, veränderte sich für die Stiftungsunternehmen die politische Situation. Jetzt war der Rückzug der amerikanischen Truppen aus Jena und die Besetzung der Stadt durch die Rote Armee nicht mehr auszuschließen. Es bestand die reale Gefahr, daß die Zentrale des Zeiss-Konzerns mit seinem Forschungs- und Entwicklungspotenzial, den hauptsächlichen Fertigungsstätten und dem Jenaer Glaswerk Schott & Gen., in dem die optischen Spezialgläser für den gesamten Konzern erzeugt wurden, von den Firmen in den westlichen Besatzungszonen getrennt wird, an denen die Carl-Zeiss-Stiftung und das Zeiss-Unternehmen beteiligt waren. Damit waren auch die arbeitsteiligen Beziehungen innerhalb des Zeiss- Konzerns gefährdet.
Dieser Sachverhalt hatte für die amerikanischen Militärs zwei Aspekte. Ihnen verblieb keine Zeit, die Erzeugnisse, die sie in Auftrag gegeben hatten, noch im vollen Umfang zu erhalten und gegebenenfalls im Krieg gegen das japanische Kaiserreich einzusetzen. Sie mußten zugleich hinnehmen, daß die sowjetischen Streitkräfte die Verfügung über das Jenaer Unternehmen bekommen. Da die Amerikaner aber eine militärische Konfrontation mit der UdSSR nicht ausschlossen, waren sie nicht daran interessiert, die militärisch nutzbaren Erkenntnisse, Erzeugnisse und Verfahren der sowjetischen Rüstungsindustrie zu überlassen.
Auch Unternehmen der feinmechanisch-optischen Industrie in den USA und in Großbritannien befürchteten, daß ihnen künftig sowjetische Unternehmen mit den in Jena vorgefundenen Innovationen auf dem internationalen Markt Konkurrenz machen könnten. Daß dies nicht unbegründet war, wird im folgenden Kapitel deutlich.
Die im Zeiss-Werk und im Jenaer Glaswerk agierenden amerikanischen und britischen Teams erkundeten darum nicht nur das militärisch Relevante, sondern erschlossen auch, was im optischen Präzisionsgerätebau und der Photo-Optik überhaupt von besonderem Wert war. So beschlagnahmten die Amerikaner die Objektiv-Sammlung des Zeiss-Werkes und verbrachten sie in die USA. Die 2.000 Stücke umfassende Sammlung enthielt sowohl die ältesten Zeiss-Objektive als auch die neuesten Belegstücke. Ferner wurden 20 Konstruktionsbücher mit je 100 optischen Skizzen der gängigsten Objektive und die dazu gehörigen Fertigungsvorschriften weggebracht. Der Schätzwert der Konstruktionsbücher lag bei vier Millionen RM.[19] Der Leiter der photographischen Abteilung der amerikanischen Armee-Nachrichten-Agentur, Edward K. Kaprelain, bewertete im Februar 1948 die nach Astoria, Long Island, gebrachte Objektiv-Sammlung wie folgt: „Das Studium der Jenaer Linsen und Pläne bedeutet auf dem Gebiet der Entdeckung
{19} BACZ Nr. 18187 (Liste der von den Amerikanern beschlagnahmten Objektivsammlung); Schumann: Carl Zeiss. Einst und Jetzt. S. 592-593.
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und Entwicklung von Linsen für die Vereinigten Staaten einen Fortschritt von Jahren" {21}
Lieutnant W. Brayer, ein Fachmann für Luftbildphotographie, der seit April 1945 der amerikanischen Militärkommission angehörte {21}, hatte die Geschäftsleitung zunächst mündlich und später auch schriftlich beauftragt, 3.400 hochwertige Spezialobjektive für Fliegerkameras herzustellen. Als Brayer bekannt wurde, daß sich die amerikanischen Truppen aus Thüringen zurückziehen werden, noch ehe die in Auftrag gegebenen Objektive fertiggestellt sein können, faßte er Ende Mai 1945 den Plan, diesen Auftrag zu stornieren und die gesamte Fertigung der Bildmeßobjektive in das amerikanische Besatzungsgebiet zu verlagern. Das teilte er Ende Mai oder Anfang Juni 1945 der Geschäftsleitung mit. {22} Um einen geeigneten Fertigungsstandort in der amerikanischen Besatzungszone zu erkunden, flog Colonel Goddhardt, von Heinrich Küppenbender, Geschäftsleiter Paul Henrichs und Ernst Opitz, dem Leiter sämtlicher Werksanlagen, begleitet, nach München. Dort prüften sie zunächst, ob die Firma Deckel geeignete Räumlichkeiten zur Verfügung stellen kann. Da sich die besichtigten Objekte nicht eigneten, reiste Lieutnant David Ginsberg mit Heinrich Küppenbender am 5. Juni 1945 nach Stuttgart in das Contessa-Werk, das zur Zeiss lkon AG gehörte. Die Nutzung dieser Fertigungsstätte scheiterte am Widerstand der französischen Besatzungsbehörden.
Da Brayer offensichtlich nicht kompetent war, das Verlagerungsunternehmen in die Wege zu leiten, suchte er die Unterstützung seiner vorgesetzten Dienststelle, die am 7. Juni 1945 Colonel Hubert Zempke und Colonel J.J. Stone nach Jena entsandte. Colonel Hubert Zempke führte im Auftrag des Hauptquartiers des Obersten Befehlshabers der lnterventionsstreitkräfte Sonderaufgaben aus, und Colonel Stone gehörte dem technischen Geheimdienst der US-Luftstreitkräfte an. {23} Die beiden Luftwaffenoffiziere organisierten nun im Auftrag des Hauptquartiers der Strategischen Luftwaffe der USA die „Carl-Zeiss-Werk-Mission", deren Ziel Colonel Stone am 20. Juli 1945 in einem geheimen Bericht an seine vorgesetzte Dienststelle so beschreibt: „Die Mission war geplant, um bestimmtes Schlüsselpersonal, wichtige Forschungsarbeiten und Produktionsgerätschaften des Carl-Zeiss-Werkes in Jena, Deutschland, in ein von der Armee der Vereinigten Staaten kontrolliertes Gebiet zu bringen". {24}
{20} Zitiert in Schumann: Carl Zeiss. Einst und Jetzt, S. 593.
{21} BACZ Nr. 9291 (Auskünfte, Militärische Besatzung, u. a. April 1945 - Januar 1946).
{22} BACZ Nr. 19159 (Heinrich Küppenbender: Notiz betr. Verpacken von Vorrichtungen und Werksanlagen vom 20. April 1946).
{23} Jürgen Steiner: Das Jenaer Glaswerk , S. 204-205.
{24} B-B Nr. 89 Geheimer Bericht über die Carl-Zeiss-Werk-Mission an das Hauptquartier der Vereinigten Strategischen Luftwaffe der Vereinigten Staaten in Europa - Büro des stellvertretenden Stabschefs, A-2 vom 20. Juli 1945, verfaßt von J. J. Stone, Colonel, A. G.; Executive. Archiv der US Air Force. Maxwell Air Force Base Montgomery, Alabama.
Das Zeiss-Werk unter amerikanischer Kontrolle [Seite 11]
Die Geschäftsleiter der Stiftungsunternehmen zogen aus den verschiedenen Informationen, die sie von den Offizieren der amerikanischen Militärkommission und aus anderen Quellen erhielten, den Schluß, daß der Rückzug der Amerikaner aus Thüringen in absehbarer Zeit bevorstehen kann. Sie nutzten die von den Amerikanern vorbereitete Mission, um selbst den Aufbau neuer Fertigungsstätten in der amerikanischen Besatzungszone so zu planen, daß sie die Aufgaben der Jenaer Stiftungsunternehmen im Gesamtkonzern übernehmen können. Sie mußten damit rechnen, daß, nachdem das nationalsozialistische Deutschland niedergerungen war, die latenten Spannungen zwischen der UdSSR und ihren westlichen Verbündeten zunehmen und die westlichen Besatzungszonen von der Ostzone abgeschottet werden. In einem solchen Falle würden die Unternehmen des Zeiss-Konzerns in den westlichen Besatzungszonen weder mit optischem Spezialglas noch mit optischen Systemen beliefert. Das könnte - so befürchteten sie - Zeiss-Konkurrenten ermöglichen, zunächst den Markt in den westlichen Besatzungszonen und zu gegebener Zeit auch den Außenmarkt zu beherrschen.
Unmittelbar nach seiner Stuttgart-Reise ordnete Heinrich Küppenbender an, die Verlagerung von Personal, Material und Ausrüstungen in das amerikanische Besatzungsgebiet vorzubereiten. Er forderte vom Leiter der Optik-Betriebsleitung und von der Planungsstelle, Richtzahlen für die einzelnen Maschinenarten festzulegen, die verlagert werden sollen. Am 9. Juni 1945 besprach er mit Ernst Opitz und Hugo Schrade das Resultat der Vorarbeiten. Und noch am gleichen Tag diktierte Heinrich Küppenbender die Notiz „Betr.: Errichtung einer Zweigfertigungsstelle des Zeisswerkes". Die entscheidende Passage in der Notiz lautet:
„Um die Fertigung des Zeisswerkes auch mit Sicherheit in dem von den Vereinigten Staaten besetzten Gebiet durchführen zu können, ist neben der Umsetzung der notwendigen Spezial- und Fachkräfte die Verlagerung eines Teils der in Jena und in den von der Firma Carl Zeiss gesteuerten Außenwerken ... befindlichen Werkzeugmaschinen sowie der Einrichtungen für Werkstätten, Konstruktionsbüros, Laboratorien und Verwaltungen mit den dazu gehörigen Unterlagen erforderlich ... Die Zusammensetzung des neuen Werkes soll so gewählt werden, daß ein geschlossenes, leistungsfähiges feinmechanisch-optisches Unternehmen gegeben ist, d. h., daß neben den Fachkräften und Spezialisten des Betriebes auch Spezialkräfte der Konstruktionsbüros, der Laboratorien mit verlagert werder." {25}
Heinrich Küppenbender ging von 2.000 Jenaer Mitarbeitern aus, darunter 1.000 produktiv Beschäftigten, die in das amerikanische Besatzungsgebiet umgesiedelt werden sollten. Für die gesamte Fertigungsstätte hatte der Geschäftsleiter eine Nutzfläche von 25.000 m2 vorgesehen, auf der 2.456 Maschinen aufgestellt werden können. Für den Abtransport der Maschinen, Einrichtungen, Unterlagen usw. waren insgesamt 600 Eisenbahnwaggons oder 350 Lastzüge vorgesehen, wenn ein 14 Tage währender Straßentransport notwendig werden sollte. Der Abtransport der 2.000 Belegschaftsmitglieder und deren ca. 4.000 Familienangehörigen
{25} BACZ Nr. 19159 (Heinrich Küppenbender: Notiz betr. Verpacken von Vorrichtungen und Werksanlagen vom 20. April 1946).
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würde sechs Tranportzüge zu je 100 Achsen beanspruchen. In der Planung von Küppenbender spielte die Unterbringung der insgesamt 6.000 Menschen - Zeiss-Mitarbeiter und ihre Familienangehörigen - am neuen Bestimmungsort keine Rolle.{26} Als Heinrich Küppenbender den Amerikanern den Wagenbedarf für den Abtransport der zu verlagernden Güter vorlegte, wurde ihm bedeutet, daß eine derartige Anzahl von Waggons infolge der voraussichtlich nur noch kurzen Zeit, die zur Verfügung steht, nicht gestellt werden kann. Aus diesem Grunde sollte der Plan noch einmal für insgesamt 1.000 Personen aufgestellt werden.{27}
Colonel Stone hielt in seinem Geheimen Bericht fest, daß die Geschäftsleiter die Offiziere um ein Treffen ersucht hatten, um ihnen einen Vorschlag zu unterbreiten, den die amerikanische Seite berücksichtigen solle. Nach Stones Bericht verwiesen die Geschäftsleiter bei diesem Treffen zunächst darauf, daß nach ihrer Kenntnis Jena und das umliegende Gebiet unter russische Kontrolle kommen. Da sie aber weder für die Russen noch mit ihnen arbeiten wollten, möchten sie aus dem Zeiss-Werk „bestimmte wichtige Teile der Forschung, Produktionsgeräte und Schlüsselpersonal evakuieren". Als neue Standorte wurden Tochterunternehmen in München oder Stuttgart genannt. Ihr Evakuierungsplan sah auch verschiedene Produktionen und Kontrollgeräte vor, die benötigt werden, um den zu erwartenden US-Befehl zu erfüllen. Dabei ging es um die Objektive für die Bildmeßgeräte. Colonel Warner, G-4 Offizier der 9. US-Armee, hörte sich an, was die Geschäftsleiter vortrugen und ließ sie wissen, daß er sich zu den Plänen der sowjetischen Seite nicht äußern werde. Aber im Hinblick darauf, daß die US-Armee den Befehl erteilt habe, das Zeiss-Werk im Krieg gegen Japan zu nutzen, würde das Vorhaben der Geschäftsleitung „in Erwägung gezogen". Dazu verlangte der Colonel von den Geschäftsleitern in den nächsten 24 Stunden Unterlagen und Aufstellungen über das Personal, Material und Ausrüstungen.
Die Geschäftsleiter machten Colonel Warner und die anderen Offiziere darauf aufmerksam, daß auch das Jenaer Glaswerk Schott & Gen. verlagert werden müßte, weil zur Ausführung des Befehls optische Spezialgläser erforderlich sind. „Daraufhin" - so vermerkt Stone in seinem Bericht - „wurde Dr. Schott von den Schott-Glaswerken der Befehl gegeben, eine Auflistung von Geräten und Personal zu erstellen, die denen, die durch das Zeiss-Werk anzufertigen sind, entsprechen." Material, Maschinen und Personal aus dem Jenaer Glaswerk sollte in das Tochterunternehmen in Zwiesel gebracht werden, das nach Auskunft von Erich Schott zu 75 Prozent auf den Produktionsbeginn vorbereitet war.
Am folgenden Tag legten die Geschäftsleiter den für die Mission zuständigen Offizieren die gewünschten Listen vor, bei deren Zusammenstellung sich die damit befaßten Zeiss-Mitarbeiter offensichtlich größte Zurückhaltung auferlegt hatten, denn die Amerikaner waren mit der Ausführung ihrer Anweisung höchst unzufrieden. Deshalb verlangten sie eine Nachbesserung. Gleichzeitig erhielten
{26} BACZ Nr. 19159 (Notiz: Btr. Errichtung einer Zweigfertigungsstelle des Zeisswerkes).
{27} BACZ Nr. 19159 (Heinrich Küppenbender: Notiz betr. Verpacken von Vorrichtungen und Werksanlagen vom 20. April 1946).
Das Zeiss-Werk unter amerikanischer Kontrolle [Seite 13]
die Geschäftsleiter den nachdrücklichen Befehl, die auf den Listen vermerkten Unterlagen und Gegenstände für den Abtransport bereitzustellen. Daraufhin wies Heinrich Küppenbender am 14. Juni 1945 an, alle Befehle der amerikanischen Militärs strikt zu befolgen.{28}
Die Geschäftsleiter warben zwischen dem 11. und 16. Juni 1945 unter den Wissenschaftlern und Konstrukteuren für eine freiwillige Übersiedlung in die amerikanische Zone. Wilhelm Trostmann äußerte sich später über diese Aktion der Geschäftsleitung:
"Gemäß Aussagen von Dr. Hansen hat dann Prof. Joos {29} wiederholt versucht, einzelne diese Forderung (freiwilliges Verlassen Jenas d. V.) mit größter Entschiedenheit ablehnende Herren durch Besuch in deren Wohnung und persönliche Überredung umzustimmen und sich freiwillig mit ihrer Verlagerung in amerikanisches Gebiet einverstanden zu erklären." {30}
In den Werbegesprächen wurde deutlich, daß die Angesprochenen nur eine geringe Bereitschaft zeigten, Jena zu verlassen, denn noch schien der Abzug der Amerikaner nicht ausgemacht. Und obendrein waren die mit einem Weggang verbundenen Unwägbarkeiten außerordentlich groß. Etwas anders verhielt es sich bei Heinrich Kuppenbender und einigen anderen Führungskräften, die auch ein persönliches Interesse daran hatten, den sowjetischen Militärs nicht zu begegnen, denn sie waren, auch wenn sie keine herausragende Funktion in der NSDAP innehatten, aufgrund ihrer Stellung in der Rüstungsindustrie in das nationalsozialistische Herrschaftssystem integriert. Sie mußten befürchten, daß man sie dafür zur Rechenschaft ziehen werde.
Am 10. Juni 1945 begann der Abtransport der wissenschaftlich-technischen Unterlagen und der speziellen Ausrüstungsgegenstände aus den Laboratorien und Werkstätten. Sie wurden zur 45. Air Depot Group gebracht.
Neue Direktiven der Amerikaner
Abtransport ausgewählter Fachkräfte - Verzicht auf Industrieausrüstungen
Während das Verpacken von Einrichtungsgegenständen und Unterlagen in Jena in vollem Gange war, erfuhr Colonel Hubert Zempke von seinen Vorgesetzten - er war am 11. Juni 1945 ins Hauptquartier nach Paris gereist, um dort sein weitreichendes Programm zur Evakuierung von Personal und Sachgütern vorzutragen -, daß man sich an die alliierte Festlegung hält und beim Rückzug der Truppen aus anderen Besatzungszonen die Industrieanlagen unangetastet läßt. Danach ließ sich die „Carl-Zeiss-Werk-Mission" nicht mehr im vollen Umfang realisieren.
{28} BACZ Nr. 27200 Tagebuch des Arbeiter- und Angestellten-Ausschusses (Eintragung vom 14. Juni 1945).
{29} Prof. Dr. Georg Joos, Ordinarius für Theoretische Physik an der Jenaer Universität, war seit 1941 Mitglied der Zeiss-Geschäftsleitung. Er leitete die Laboratorien des Unternehmens.
{30} BACZ Nr. 19159 (Mitteilung von Wilhelm Trostmann).
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Da auch das 8. Korps der US-Armee, dem die Kontrolle Jenas oblag, diesen Befehl kannte, verweigerten seine Offiziere den Abtransport von industriellen Sachgütern aus Jena. Colonel Zempke, der am 17. Juni 1945 wieder in Jena eingetroffen war, drängte gemeinsam mit Colonel Stone beim 8. Korps auf die Freigabe des Requirierten. Sie vermochten aber vorerst nichts zu erreichen. Das 8. Korps hatte in den Stiftungsunternehmen sogar Wachen aufziehen lassen, die den Befehl hatten, den Abtransport von Material und Maschinen zu verhindern. Die Bemühungen der mit der „Carl-Zeiss-Werk-Mission" Beauftragten, beim Hauptquartier der Luftstreitkräfte einen schriftlichen Befehl für die Ausführung ihres Vorhabens zu erwirken, blieben erfolglos. Schließlich ging ein Funkspruch ein, der das 8. Korps anwies, Stone und Zempke bei der Evakuierung von Daten und Personen zu unterstützen. Material und Ausrüstungsgegenstände waren in dem Funkspruch nicht erwähnt, so daß sich das 8. Korps auch nicht veranlaßt sah, den Abtransport von Material und Ausrüstungsgegenständen zu erlauben. Danach wurden das Rohglas und die Einrichtungsgegenstände des Glaswerkes, beides war bereits in 19 Eisenbahnwaggons verladen, wieder ins Glaswerk zurückgebracht. Ebenso blieb das Verpackte im Zeiss-Werk an Ort und Stelle. Die mit der Mission beauftragten Offiziere kamen nun auch der Bitte Küppenbenders nicht mehr nach, die Rechtmäßigkeit der Verlagerungsaktion durch einen schriftlichen Befehl zu bestätigen. Um einen derartigen Befehl zu erwirken, hatte der Geschäftsleiter sogar ein entsprechendes Memorandum abfassen lassen, das von den Offizieren unterzeichnet werden sollte. Heinrich Kuppenbender berichtete später darüber:
„Wir bereiteten zusammen ein Memorandurn vor, in welchem klar zum Ausdruck kam, daß es sich um einen Befehl handele. Ich erinnere mich noch, daß die amerikanischen Offiziere das Memorandum korrigierten ... Wir kamen über ein, daß uns eine Reinschrift ... übergeben werden sollte. Das wurde nicht getan." {31}
Nachdem der amerikanische Präsident Mitte Juni 1945 Churchill und Stalin telegraphisch mitgeteilt hatte, daß er die amerikanischen Truppen aus dem Gebiet abziehen werde, das der UdSSR zugesprochen worden war, erließ das Alliierte Oberkommando in Abstimmung mit der militärischen Führung am 18. und 19. Juni 1945 den geheimen Befehl, beim Rückzug der amerikanischen Verbände aus Sachsen, der Provinz Sachsen und Thüringen alle Wissenschaftler und Techniker zu evakuieren, die den USA und Großbritannien nützlich sein können. {32}
Diesen Befehl brachte eine Gruppe von Offizieren aus dem Hauptquartier am Nachmittag des 18. Juni 1945 nach Jena. Daraufhin wurden die Geschäftsleiter der Stiftungsunternehmen für den späten Abend des 18. Juni 1945 im Verwaltungshochhaus zusammengerufen. In Anwesenheit mehrerer amerikanischer Offiziere eröffneten Colonel Zempke und Colonel Stone den Geschäftsleitern, daß, wie Heinrich Küppenbender später notierte, „keine Zeit mehr zur Durchführung
{31} Hermann: Nur der Name ist geblieben, S. 15.
{32} Klaus-Dietmar Henke: Die amerikanische Besetzung Deutschlands, München 1995.
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der früher geplanten Verlagerung zur Verfügung stehe. Man müsse sich deshalb auf die wichtigsten Menschen, Geräte und Maschinen beschränken. Col. Zempke brauchte hierbei den mir in Erinnerung gebliebenen Satz: ,We take the brain'". Colonel Zempke gab ferner bekannt, daß die Geschäftsleiter auf einer Sonderliste des alliierten Hauptquartiers stehen und als erste abtransportiert werden. Obwohl Walther Bauersfeld nicht erwähnt worden war, stand er am folgenden Tag auf der Liste der Geschäftsleiter. Von den Geschäftsleitern wurde verlangt, daß sie aus ihren Verantwortungsbereichen die wichtigsten Mitarbeiter auflisten. Prof. Dr. Georg Joos sollte 30 bis 35 Wissenschaftler und Prof. Dr. Walther Bauersfeld 20 Konstrukteure nennen. Die Personallisten von Joos und Bauersfeld erhielten die Amerikaner am 19. Juni 1945. Heinrich Küppenbender und Paul Henrichs unterließen die Abgabe ihrer Listen. Die in der Nachtsitzung von den amerikanischen Offizieren vorgetragenen Namen entsprachen allerdings nicht dem aktuellen Personalstand.
„In der erwähnten Nachtsitzung Führte Bfd (Betriebsinternes Kürzel Für Bauersfeld d. V.) in eindrucksvollen Darlegungen aus, die von den Amerikanern befohlenen Maßnahmen kämen einer Trennung des Kopfes vom Rumpf gleich. Sie führten zu einer Zerschlagung des Zeiss-Werkes und damit zu einer Vernichtung des Werkes unseres Stifters Abbe." {33}
Über diese Zusammenkunft vermerkt Colonel Stone in seinem Geheimen Bericht:
„Es wurde ein Treffen der Direktoren des Carl-Zeiss-Werkes einberufen und der mündliche Auftrag erteilt, mit dem Zusammenstellen und Verpacken der Geräte auf den Listen zu beginnen, die mit den Originalplänen eingereicht worden waren. Den Direktoren wurde gesagt, daß das keine Bitte, sondern ein Befehl ist. Und wenn kein Fortschritt beim Zusammenstellen und Verpacken innerhalb von 24 Stunden sichtbar wird, würden amerikanische Truppen ins Werk gebracht, um die Arbeiten abzuschließen. Des Weiteren wurden die Direktoren darüber informiert, daß, wenn kein sichtbarer Erfolg innerhalb von 24 Stunden zu sehen ist, sie den örtlichen Militärbehörden wegen Befehlsverweigerung übergeben werden. Diese Aktion zeigte Wirkung, so daß das Zusammenstellen und Packen der Schlüsselgeräte begann: {34}
Des Weiteren stellt Stone fest, daß man als „Richtlinie für die Auswahl des zu evakuierenden Personals" die „Liste des Forschungspersonals, so wie sie von den Direktoren des Carl-Zeiss-Werkes bzw. der Schott-Glaswerke eingereicht worden waren," genutzt habe."
Am Vormittag des 19. Juni 1945 traf sich Heinrich Küppenbender mit Mitgliedern des Arbeiter- und Angestellten-Ausschusses. Er machte sie mit den bisherigen Aufträgen zur Verlagerung von Teilen des Zeiss-Werkes bekannt und schilderte dann, was sich in der vergangenen Nacht zugetragen hatte. Heinrich
{33} BACZ Nr. 19159 (Heinrich Küppenbender: Notiz betr. Verpacken von Vorrichtungen und Werkzeugen am 20. Juni 1945 vom 16. April 1946).
{34} B-B Nr. 89 Stone: Geheimer Bericht.
{35} B-B Nr. 89 Stone: Geheimer Bericht.
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Küppenbender hob vor allem hervor, daß die amerikanische Besatzungsbehörde auf Befehl des Alliierten Hauptquartiers angeordnet habe, „die Vorbereitungen zu einer Verlagerung nunmehr in die Tat umzusetzen, die Verpackung der Geräte und Maschinen beschleunigt durchzuführen und diese zur Weiterbeförderung den Amerikanern zu übergeben. Die Forderung der Verlagerung wurde noch dahin gedeutet, daß sie der Ergänzung der im amerikanischen Gebiete (eventl. auch englischen) liegenden zum Zeiss-Konzern gehörenden Fertigungsbetriebe dienen sollte. (Wertvoll für Contessa{36})
Zur Rechtfertigung der Geschäftsleitung führte er noch an: „Die Geschäftsleitung hat bei dieser Gelegenheit erneut mit aller Deutlichkeit auf die Folgen einer solchen Aktion hingewiesen sowohl für die zu verlagernden Menschen, wie auch für die zurückbleibende Belegschaft; sie hat klar zum Ausdruck gebracht, daß die Firma nur als geschlossenes Ganzes ihren traditionsgebundenen Aufgaben gerecht werden könne, daß der von den Amerikanern geforderte Schritt, wenn er durchgeführt würde, fast einer Trennung des Kopfes vom Rumpf gleichkomme und eine überaus schwere Beunruhigung im Betriebe hervorrufen werde."{37}
Um die Ausschußmitglieder aber zu beruhigen, führte er noch aus:
„Der Abtransport der Laboratoriumsgeräte und Maschinen, der zur Zeit im Fluß ist, geschieht, ohne daß hierdurch eine Beeinträchtigung der entsprechenden Einrichtungen im Hause erfolgt. Die Maschinen, welche für die Fertigung des erwähnten Auftrags auf Photolinsen erforderlich sind und abtransportiert werden, können einem sehr reichlichen Vorrat entnommen werden."
Am Morgen des 20. Juni 1945 wurde Heinrich Küppenbender zu Lieutnant Brayer bestellt. Er machte dem Geschäftsleiter heftige Vorwürfe, weil ihm das Verpacken der Laborgeräte, Zeichnungen usw. für die Wissenschaftler und Konstrukteure zu langsam erfolgte und drohte schärfere Maßnahmen an, wenn das Tempo nicht sofort gesteigert wird. Sodann befahl Brayer „sofort mit dem verstärkten Einpacken von Werkzeugen und Vorrichtungen zu beginnen, um die Fertigung im amerikanischen Sektor, gestützt auf den Maschinenpark von Amberg und Ebrach, in kurzer Zeit zum Anlaufen zu bringen. Hierbei sollten die Vorrichtungen und notwendigen Spezialmaschinen für die Herstellung der großen Fliegerobjektive vollständig mitgenommen werden."
Für Heinrich Küppenbender war die Forderung Brayers neu, „daß nun doch die Vorrichtungen für eine größere Fertigungskapazität abtransportiert werden sollten, nachdem in der Nachtbesprechung mit Col. Zempke und der GL (Geschäftsleitungen d. V.) der Plan der Fertigungsverlagerung aus Zeitmangel als undurchführbar bezeichnet wurde". Neu war für Heinrich Küppenbender auch,
{36} Das zu Zeiss Ikon gehörende Contessa-Werk in Stuttgart bezog Photoobjektive aus dem Zeiss- Werk.
{37} Die folgenden Ausführungen stützen sich auf BACZ Nr. 19159 (Heinrich Küppenbender: Notiz betr. Verpacken von Vorrichtungen und Werkzeugen am 20. Juni 1945 vom 16. April 1946); Nr. 27200 Tagebuch des Arbeiter- und Angestellten-Ausschusses (Eintragung vom 19. Juni 1945).
Das Zeiss-Werk unter amerikanischer Kontrolle [Seite 17]
„daß nunmehr wieder die gesamte Fertigungseinrichtung für die Herstellung der Fliegerobjektive, also Spezialmaschinen, Meßeinrichtungen und Vorrichtungen verlagert werden sollten".
Der Geschäftsleiter unterrichtete umgehend die Mitarbeiter, die mit der Verpackungsaktion befaßt waren, über die von Brayer erhaltene Anweisung. Er wies Erich Schreiber und Walter Traut an, die „Vorrichtungen für die allgemeine Zeiss-Fertigung und für die Fertigung der Fliegerobjektive" verpacken zu lassen und darüber die Betriebsleiter zu informieren. Die Frage von Walter Traut „Also auch die Unikate?" bejahte Heinrich Küppenbender in der Annahme, sie beziehe sich auf die Vorrichtungen für die Fliegerobjektive. Als Traut daraufhin feststellte: „Das bedeutet aber eine Stillegung der Fertigung", erklärte Küppenbender, wiederum nur an die Fertigung der Fliegerobjektive denkend, „Ich kann es nicht ändern". In der Zusammenkunft der Betriebsleiter wurde von Traut weitergegeben: „Sämtliche Werkzeuge und Vorrichtungen für die zivile Fertigung, auch wenn sie nur in einer Ausführung vorhanden sind, sind sofort in 24-stündiger Schichtarbeit einzupacken." Obwohl diese Information in den Betriebsabteilungen Unverständnis und Widerspruch auslöste, begann man in verschiedenen Abteilungen mit dem Abbau von Vorrichtungen. Als die Mitglieder des Arbeiter- und Angestellten-Ausschusses vom Betriebsleiter Maschinenbau und Hilfsbetriebe, Wilhelm Trostmann, über diese Anordnung unterrichtet wurden, legten sie dagegen scharfen Protest ein. Am Nachmittag des 20. Juni 1945 stellte Otto Marquardt Heinrich Küppenbender zur Rede.{38}} Der Geschäftsleiter erwiderte, man müsse ihn falsch verstanden haben und machte am späten Nachmittag die inzwischen angelaufene Aktion rückgängig. Otto Marquardt notiert unter dem 20. Juni 1945 im Ausschuß-Tagebuch:
„a.) Die Firma Zeiss verlagert auf Befehl der Amerikaner die Produktionsmittel, die für die Anfertigung eines größeren Photoauftrages im amerikanischem Gebiet notwendig sind; b.) Die GL beschließt einstimmig u. teilt es durch Bfd den Amerikanern mit: ,Wir werden freiwillig Jena u. das Zeiss-Werk nicht verlassen'; c.) Für die Friedensproduktion bleiben genügend Prod.-Mittel, um bei äußerster Anspannung eine Produktion aufzubauen; d.) Irrtümlich veranlaßte Vorbereitung für Verlagerungen werden rückgängig gemacht ...". Die Eintragung schließt: „11 Uhr. Etwa 120 leitende Gesch. Angehör., darunter die 4 Herren der G. L., bekommen den Befehl vom Amerikaner, sich zum Abtransport bereit zu halten."{39}
Den amerikanischen Offizieren, die mit der „Carl-Zeiss-Werk-Mission" beauftragt waren und am 20. Juni 1945 erneut versuchten, eine umfangreiche Verlagerung durchzusetzen, blieb letztlich der Erfolg versagt. Der amerikanische Verzicht auf das Requirieren von Maschinen und Einrichtungen durchkreuzte auch die Pläne der Geschäftsleiter, mit diesen Ausrüstungen außerhalb des sowjetischen Besatzungsgebietes eine neue Fertigungsstätte zu errichten. Es muß dahin gestellt bleiben, ob die Anweisung von Heinrich Küppenbender am Vormittag
{38} BACZ Nr. 27200 Tagebuch des Arbeiter- und Angestellten-Ausschusses (Eintragung vom 19. April 1945).
{39} Mühlfriedel/Hellmuth: Das Betriebsrats-Tagebuch, S. 196.
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des 20. Juni 1945 der Versuch war, aus allen Betriebsabteilungen die Vorrichtungen wegzubringen, die für die Einrichtung einer kompletten Fertigungsstätte im amerikanischen Besatzungsgebiet notwendig waren.
Am 21. Juni 1945 erhielt der Kommandierende General der 12. Panzer-Division der US-Streitkräfte aus dem Hauptquartier des 6. Armeekorps den Befehl, einen Platz für eine Gruppe von Wissenschaftlern und deren Familien, ca. 1.500 Personen, einzurichten, die überprüft und interniert werden soll. Er wurde auch angewiesen. Personen sofort festzusetzen, die ein Sicherheitsrisiko für die USA darstellen. Für die Unterbringung der Avisierten bestimmte der General Heidenheim an der Brenz.{40}
Die amerikanischen Offiziere wählten aus dem Zeiss-Werk 81 Mitarbeiter{41} und aus dem Jenaer Glaswerk 41 Beschäftigte{42} aus, die mit ihren Familien vom 23. bis 25. Juni 1945 in das amerikanische Besatzungsgebiet gebracht wurden. Gleichzeitig wurden Professoren, Dozenten und Mitarbeiter der Jenaer Universität samt Familien abtransportiert.{43} Colonel Stone teilte mit, daß der Abtransport der 500 Personen durch die amerikanische Armee schnell und effizient erfolgte. Die Armee hatte jeder Familie einen Lastwagen zugewiesen.{44}
In seinem Geheimbericht über die „Carl-Zeiss-Werk-Mission" gibt J. Stone Empfehlungen für die Verwendung der deportierten Fachkräfte und bewertet ihren Nutzen für die USA wie folgt: „Offensichtlich kontrollierte das Carl-ZeissWerk zu einem großen Teil das hochqualifizierte Forschungspotential der deutschen optischen Industrie. Die evakuierten Wissenschaftler waren die ‚Creme' des deutschen Forschungspersonals und sind von enormer Bedeutung für die zukünftige optische Entwicklung." Er rät seinen Vorgesetzten, diese Fachleute nach genauen und gut koordinierten Plänen zu verteilen, weil er befürchtete, daß „diese Top-Leute sich eventuell grüppchenweise ins Zeiss-Werk zurückschleichen".{45} Der Colonel regt an, die Wissenschaftler von einem Komitee amerikanischer Wissenschaftler und Untersuchungsbeauftragter hinsichtlich ihres Wertes und ihrer politischen Ambitionen gründlich überprüfen zu lassen. Danach könnten möglicherweise zehn Prozent der Wissenschaftler für eine industrielle oder universitäre Beschäftigung in den USA ausgewählt werden. Die anderen sollten auf die verschiedenen feinmechanisch-optischen Unternehmen in der amerikanischen Besatzungszone verteilt werden.
Der Bericht zeigt, daß das Ziel der „Carl-Zeiss-Werk-Mission", ausgewählte Fertigungskapazitäten in die amerikanische Besatzungszone zu verbringen und den Deportierten die unverzügliche Wiederaufnahme ihrer Arbeitstätigkeit in Aussicht zu stellen, überhaupt nicht oder nur für eine kurze Zeit beabsichtigt
{40} Carl Zeiss - geteiltes Deutschland. Die deutsche Frage im Unterricht. Reihe für Politik, Geschichte, Deutsch. (Hrsg.) Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg, Heft 9 (Juli 1986), S. 23.
{41} B-B Nr. 89 Stone: Geheimer Bericht, Anhang: Liste der evakuierten Zeiss-Mitarbeiter
{42} Steiner: Das Glaswerk, S. 212.
{45} Geschichte der Universität Jena 1548/58-1958. Band I., Jena 1958, S. 687
{44} B-B Nr. 89 Stone: Geheimer Bericht.
{45} B-B Nr. 89 Stone: Geheimer Bericht.
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war. Als Stone seinen Bericht verfaßte, befanden sich die USA noch im Krieg mit Japan, das erst nach dem Einsatz der Atombombe durch die amerikanischen Luftstreitkräfte am 14. August 1945 kapitulierte. Die wissenschaftlich-technischen Unterlagen und die Ausrüstungen aus dem Zeiss-Werk wurden in die USA gebracht, sie standen für die Zeiss-Gruppe in Heidenheim nicht zur Verfügung.
Die amerikanischen Requisitionen
Die amerikanische Militärkommission stellte für die Leistungen, die das Zeiss- Werk für die amerikanischen Streitkräfte von Mitte April bis Ende Juni 1945 erbracht hatte, und für einen Teil der abtransportierten Unterlagen, Materialien und Ausrüstungsgegenstände Requisitionsscheine aus. Schon beim Verpacken der beschlagnahmten Unterlagen und Gegenstände fertigten die betroffenen Abteilungen Verzeichnisse über das Entnommene an. Am 4. Oktober 1945 wurde eine Übersicht über die Verluste, die dem Zeiss-Werk durch das amerikanische und britische Militär entstanden waren, zusammengestellt. Danach gingen Dokumente, Material und Ausrüstungen im Wert von 14,1 Millionen RM verloren. Hinzu kamen die Erzeugnisse aus der Zeiss-Aerotopograph GmbH, Jena, im Wert von 1,4 Millionen RM.
Die Summe von 14,1 Millionen RM setzte sich zu 81,2 Prozent aus beschlagnahmten Erzeugnissen zusammen, darunter befanden sich sowohl solche, die bei Kriegsende bereits fertiggestellt waren, als auch die neu gefertigten, die man im alliierten Auftrag zwischen April und Juni 1945 produziert hatte. 6,3 Prozent des ermittelten Wertes entfielen auf Maschinen und Einrichtungen und 12,6 Prozent auf Originalzeichnungen und Zeichnungspausen. Die Analyse der requirierten Erzeugnisse ergibt, daß davon 50,5 Prozent optische Militärinstrumente waren, vornehmlich Bildmeßgeräte, Zielgeräte, Feldstecher, Zubehör und Einzelteile. Dazu kamen noch 7,7 Prozent aus der Bildmeßabteilung, die keine militärischen Erzeugnisse herstellte. 32 Prozent der requirierten Erzeugnisse wurden aus der Photo-Abteilung entnommen und 9,8 Prozent entfielen auf andere Abteilungen. Die Tabelle 2 im Tabellenanhang gibt näheren Aufschluß über die Verluste der Betriebsabteilungen. Bei den Zeichnungen und Stücklisten lag das Schwergewicht auf Unterlagen von Maschinen und Vorrichtungen. Sie machten allein 32,7 Prozent der Originalzeichnungen und 32 Prozent der Stücklisten aus. Des Weiteren interessierten sich die amerikanischen Militärs für Bild- und Feinmeßgeräte sowie für geodätische Instrumente. Von den beschlagnahmten Originalzeichnungen entfielen 11,8 Prozent auf Feinmeßgeräte, 10,6 Prozent auf Bildmeßgeräte und 9,3 Prozent auf geodätische Instrumente.{46}
{46} Errechnet nach BACZ Nr. 4884 (Bewertung der amerikanischen Requisitionen vom 4. Oktober 1945).
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Die Berufung der neuen Geschäftsleiter
Am 20. Juni 1945 informierten die Offiziere der amerikanischen Militärkommission die Geschäftsleiter über ihren unmittelbar bevorstehenden Abtransport. Das zwang sie, eine Entscheidung über die Leitung der Jenaer Unternehmen für die Zeit zu treffen, in der sie nicht in Jena sein werden. Sie mußten die Personen auswählen, die während ihrer Abwesenheit ihre Aufgaben wahrnehmen und hatten sich darüber zu verständigen, welche Kompetenzen die neuen Unternehmensleitungen haben sollen.
Über den auszuwählenden Personenkreis waren sich die Geschäftsleiter rasch einig, denn es kamen nur Persönlichkeiten in Frage, die über die nötige Autorität in der Belegschaft verfügten, fachlich versiert und vor allem aber gegenüber den scheidenden Geschäftsleitern loyal waren. Sie mußten ferner in politischer Hinsicht von den sowjetischen Besatzungsbehörden und den Deutschen, die künftig in Jena und in Thüringen Spitzenpositionen einnehmen, akzeptiert werden.
Die Wahl fiel auf Dr. Friedrich Schomerus, Dr.-Ing. Hugo Schrade und Victor Sandmann. Friedrich Schomerus hatte bis 1933 die Personalhauptleitung geführt und war von den Nationalsozialisten aus dieser Funktion gedrängt worden. Er war ein exzellenter Kenner aller Angelegenheiten, die die Carl-Zeiss-Stiftung betrafen.{47} Hugo Schrade, seit 1929 im Zeiss-Werk, hatte bis 1942 eine führende Position in der Personalhauptleitung und war dann als Leiter der Planungsstelle tätig. Weil er mit einer Jüdin verheiratet war, wurde er von den Nationalsozialisten verfolgt.{48} Victor Sandmann, seit 1934 im Zeiss-Werk, leitete die kaufmännische Abteilung. 1918 gehörte er einem Arbeiter- und Soldaten-Rat an und war zu einer Festungshaft verurteilt worden. In den zwanziger Jahren war er zunächst Mitglied der USPD und dann bis 1928 der SPD.{48}
Ein besonderes Problem war es für die Geschäftsleiter, die Zuständigkeiten ihrer Nachfolger festzulegen. Die Geschäftsleiter waren, so sah es das Statut der Carl-Zeiss-Stiftung vor, auf Lebenszeit berufen. Das war ein Privileg, auf das sie nicht ohne weiteres verzichten mochten. Gleichzeitig verlangten aber die unsicheren politischen und wirtschaftlichen Verhältnisse, daß ihre Vertreter für die Wahrnehmung ihrer Aufgaben hinreichend legitimiert waren. Nach dem Stiftungsstatut durften die Geschäftsleiter ohne Zustimmung der Stiftungsverwaltung und des Stiftungskommissars keine neuen Geschäftsleiter ernennen. Zunächst wollte man Friedrich Schomerus und Hugo Schrade nur Prokura erteilen. Deshalb unterzeichnete Paul Henrichs am 21. Juni 1945 einen entsprechenden Antrag an das Amtsgericht, sandte ihn aber nicht ab. Am 22. Juni 1945 stellte Paul Henrichs für die drei ausgewählten Angestellten eine Vollmacht aus, die sie ermächtigte, „die Geschäfte der Geschäftsleitung einstweilen, solange sich die Mitglieder der Geschäftsleitung nicht in Jena befinden, wahrzunehmen". Am
{47} Wolfgang Mühlfriedel/Edith Hellmuth: Die Firma Carl Zeiss Jena 1933-1939. In: Detlev Heiden/Gunther Mai (Hrg.): Nationalsozialismus in Thüringen, Weimar Köln Wien 1995, S. 251.
{48} PA Nr. 94 (Lebenslauf von Hugo Schrade).
{49} BACZ Nr.8093 (Personalakte von Victor Sandmann).
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gleichen Tag teilte Paul Henrichs Hugo Schrade mit, daß man die Stellung eines Prokuristen als nicht geeignet ansieht, um die Aufgaben eines Geschäftsleiters wahrzunehmen. Deshalb hätten sich die Geschäftsleiter, insbesondere auf Vorschlag von Dr. Erich Schott, entschlossen, aus leitenden Angestellten, die in Jena verbleiben, eine neue Geschäftsleitung zu bilden. Paul Henrichs unterrichtete Hugo Schrade von der Absicht, der Stiftungsverwaltung vorzuschlagen, Victor Sandmann, Friedrich Schomerus und Hugo Schrade zu Geschäftsleitern der Firma Carl Zeiss sowie Hugo Schrade zum Geschäftsleiter in der Firma Schott & Gen. zu ernennen.{50}
Da die Mitglieder des Arbeiter- und Angestellten-Ausschusses der beiden Stiftungsunternehmen aber darauf bestanden, daß die mit der Leitung der Unternehmen Beauftragten über die gleichen Befugnisse verfügen, wie die auf Lebenszeit berufenen Geschäftsleiter, wandten sie sich noch am 22. Juni 1945 an das Landesamt für Volksbildung, der Stiftungsverwaltung, in Weimar. In dem Gespräch, das sie mit dem Ministerialrat Curt Böhme und Heinrich Hoffmann darüber führten, erfuhren sie, daß Dr. Arno Barth, Gerichtspräsident in Gera, vom Landesamt bereits zum neuen Stiftungskommissar berufen worden war.{51} Um keine Zeit zu verlieren, überbrachten die Ausschußmitglieder Arno Barth noch am gleichen Tag die Ernennungsurkunde. Sie unterrichteten Arno Barth über die in Jena entstandene Lage und die entsprechenden Paragraphen des Stiftungsstatuts. Arno Barth sicherte seinen Besuchern zu, am 23. Juni 1945 nach Jena zu kommen.
Am Morgen des 23. Juni 1945 kam der Stiftungskommissar nach Jena, um die personellen Angelegenheiten an der Spitze des Zeiss-Unternehmens zu klären. Um 9.30 Uhr trafen sich die Geschäftsleiter Walther Bauersfeld, Paul Henrichs und Georg Joos, die leitenden Angestellten Victor Sandmann, Friedrich Schomerus, Hugo Schrade und die beiden Mitglieder des Arbeiter- und Angestellten- Ausschusses, Otto Marquardt und Ernst Lötsch, mit dein Stiftungskommissar. Arno Barth kennzeichnete eingangs die Situation und verwies auf die Vorschriften des Statuts der Carl-Zeiss-Stiftung. In dem Vermerk, den Arno Barth darüber am 25. Juni 1945 anfertigte, heißt es:
„Als dringlichste Frage ergab sich, daß eine neue Geschäftsleitung bestellt werden muß. Die bisherige Geschäftsleitung hatte insofern schon Vorsorge getroffen, als sie neue Prokuristen bestellt hatte bzw. einem Gremium von drei Herren die künftige Geschäftsleitung übertragen hatte, ohne diese Herren aber formell zu Geschäftsleitern machen zu können. Meine Ansicht, daß sowohl der Belegschaft gegenüber wie nach außen hin die formelle Bestallung neuer Geschäftsleiter notwendig ist, wenn die bisherige Geschäftsleitung abtransportiert
{50} BACZ Nr. 26830 (alt) (Warenzeichenverfahren. Memorandum vom 9. August 1963).
{51} Prof. Dr. Esau, der bisherige Stiftungskommissar, war wegen seiner Verbindung zum nationalsozialistischen System abberufen worden. Dieter Hoffmann/Rüdiger Stutz: Grenzgänger der Wissenschaft: Abraham Esau als Industriephysiker und Forschungsmanager. In: Kämpferische Wissenschaft. Studien zur Universität Jena im Nationalsozialismus (Hrg.: Uwe Hoßfeld u. a.), Köln Weimar Wien 2003, S. 137-179.
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wird, setzte sich schließlich bei allen Beteiligten durch ... ." Der Stiftungskommissar fügte hinzu, daß Hugo Schrade, Victor Sandmann und Friedrich Schomerus „im vollen Einverständnis mit allen Beteiligten ... als neue Geschäftsleitung in Aussicht" genommen wurden.{52}
Die amtierenden Geschäftsleiter äußerten zunächst noch Vorbehalte gegen die uneingeschränkte Übertragung der im Stiftungsstatut festgeschriebenen Rechte und Pflichten für Geschäftsleiter an die vorgesehenen Angestellten. Sie wollten das Behelfsmäßige dieses Wechsels in der Geschäftsleitung stärker betont wissen. Otto Marquardt, der am 23. Juni 1945 den Verlauf dieser Zusammenkunft im Tagebuch des Arbeiter- und Angestellten-Ausschusses festhielt, notiert dazu: "Die alte G. L. hätte es lieber gesehen, wenn das Provisorische mehr betont wird. Dem treten Scho (Friedrich Schomerus d. V.) und auch ich entgegen.{53}
Was die amtierenden Geschäftsleiter zögern ließ, kann nur vermutet werden. Zunächst ist anzunehmen, daß es ihnen darum ging, bei einer möglichen Rückkehr nach Jena wieder in ihre vollen Rechte als Geschäftsleiter einzutreten. Das wurde ihnen vom Stiftungskommissar auch ohne weiteres zugestanden. In dem bereits zitierten Barth-Vermerk steht dazu: „Allerdings ist die bisherige Geschäftsleitung, wie es der Satzung entspricht, auf Lebenszeit bestellt. Sollte sie zurückkehren, so hat sie Anspruch darauf; das alte Amt wieder zu übernehmen. Aus diesem Grunde ist eine befristete Bestellung der neuen Geschäftsleiter vorgesehen, wie es auch die Satzung zuläßt" Paul Henrichs hatte dafür die Frist von einem Jahr vorgesehen.{54}
Es ist aber auch durchaus denkbar, daß die scheidenden Geschäftsleiter erwogen, in der kompletten Zeiss-Fertigungsstätte, deren Errichtung sie in der amerikanischen Besatzungszone planten, als berufene Geschäftsleiter zu agieren. Wahrscheinlich gingen die Geschäftsleiter auch davon aus, daß sie, wenn Thüringen längere Zeit von sowjetischen Truppen besetzt bleibt, in der Lage sein werden, als zweite Geschäftsleitung die Verantwortung für das Stiftungs- und Firmenvermögen in den westlichen Besatzungszonen zu übernehmen.
Am 23. Juni 1945 wurden die neuen Geschäftsleiter eingesetzt. Das geht aus dem Vermerk von Arno Barth ebenso hervor wie aus der Aufzeichnung von Otto Marquardt, der unter dem 23. Juni 1945 festhält: „Die alte G. L. schlägt die neue G. L. vor. Ich erkläre, daß wir in der glücklichen Lage sind, uns voll auf den Boden der Vorschläge der G. L. stellen zu können. Bei der Bekanntgabe der neuen G. L. soll nach Dr. Barth in Erscheinung treten, daß eine mit allen Vollmachten ausgestattete G. L. besteht, die allerdings zurücktritt, wenn etwa die alte G. L. zurückkommt ... so wird unter allseitigem Einverständnis am Ende formuliert: Es wird eine neue G. L. eingesetzt. Sie besteht aus den Herren Dr. Schrade,
{52} Archiv Mühljriedel (Vermerk von Arno Barth über die Zusammenkunft am 23. Juni 1945).
{53} BACZ Nr. 27200 Tagebuch des Arbeiter- und Angestellten-Ausschusses (Eintragung vom 23. Juni 1945).
{54} Archiv Mühlfriedel (Vermerk von Arno Barth über die Zusammenkunft am 23. Juni 1945).
{55} BACZ Nr. 27200 Tagebuch des Arbeiter- und Angestellten-Ausschusses (Eintragung vom 23. Juni 1945).
Das Zeiss-Werk unter amerikanischer Kontrolle [Seite 23]
Dr. Schomerus und Prok. (Prokurist d. V.) Sandmann. Die G. L. amtiert bis zur Rückkehr der alten Leitung."{55} Diesen Vorgang bestätigten Walther Bauersfeld, Paul Henrichs und Richard Hirsch am 28. Januar 1946 in einem Brief zur „Rechtsstellung der Jenaer Geschäftsleitungen", in dem sie an „die Herren Mitglieder der Geschäftsleitung im Hause Carl Zeiss und Jenaer Glaswerk Schott & Gen. z.Hd. des Herrn Geschäftsleiters Victor Sandmann" schreiben:
„Wir stimmen voll mit Ihnen in der Auffassung überein, daß es aus rechtlichen und tatsächlichen Gründen nur eine allein verantwortliche Geschäftsleitung mit dem Sitz in Jena geben kann ... Um Ihnen den Weg statutengemässer Bestellung zu ordentlichen Geschäftsleitern zu eröffnen, haben wir deshalb Ende Juni v. J. dem Herrn Stiftungskommissar Sie als unsere Nachfolger vorgeschlagen und Ihnen die Geschäfte übergeben. Wir wünschen, Ihnen klar und zweifelsfrei zu bestätigen, daß wir Sie seit unserem Abtransport aus Jena als die nunmehr allein und voll verantwortlichen Geschäftsleitungen der Stiftungsbetriebe nach innen und nach außen betrachtet haben und weiter betrachten."{56}
Eine Abschrift dieses Briefes erhielt auch der Stiftungskommissar.In der Zusammenkunft mit Arno Barth am 23. Juni 1945 wurden auch die Zuständigkeiten der neuen Geschäftsleitungsmitglieder festgelegt. Hugo Schrade war für den Betrieb und die Fertigung verantwortlich, Victor Sandmann für die innere Verwaltung und die Finanzen und Friedrich Schomerus für Personalfragen, für Sozialpolitik und für Angelegenheiten der Carl-Zeiss-Stiftung. Am 27. Juni 1945 stellte der Stiftungskommissar dem amerikanischen Stadtkommandanten die neue Geschäftsleitung auf dessen Wunsch hin vor. Am gleichen Tag unterzeichnete der Stiftungskommissar die Verträge mit den von ihm berufenen Geschäftsleitern. Dem Amtsgericht meldete er, daß die Bestellung von Walther Bauersfeld und Paul Henrichs zu Beauftragten der Carl-Zeiss-Stiftung erloschen ist. Gleichzeitig teilte der Stiftungskommissar mit, daß die Mitglieder der Geschäftsleitung, Friedrich Schomerus und Victor Sandmann, zu Bevollmächtigten der Carl-Zeiss-Stiftung in Angelegenheiten der Firma Carl Zeiss neu bestellt worden sind.{57} Darüber unterrichtete der Stiftungskommissar am 29. Juni 1945 die Stiftungsverwaltung in Weimar. Ministerialdirektor Friedrich Stier vom Landesamt für Volksbildung hatte die Veränderungen an der Spitze der Jenaer Unternehmen bereits mündlich gebilligt. Eine entsprechende schriftliche Erklärung mußte Arno Barth allerdings anmahnen.{58}
{56} BACZ Nr. 16330 (Schreiben von Walther Bauersfeld, Paul Henrichs und Richard Hirsch an die Mitglieder der Geschäftsleitungen von Carl Zeiss und Jenaer Glaswerk Schott & Gen. vom 28. Januar 1946).
{57} BACZ Nr. 26787 (Arno Barth: Mitteilung an das Amtsgericht vom 27. Juni 1945).
{58} TK Nr. 007 (Schreiben von Arno Barth an das Landesamt für Volksbildung vom 9. November 1945).
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ZWEITES KAPITEL
Die Sowjetische Verwaltung des Zeiss-Werkes
Der Neuanfang
Am späten Nachmittag des 1. Juli 1945 läutete in der Wohnung von Hugo Schradedas Telefon. Am Apparat war der Pförtner im Zeiss-Hochhaus und teilte dem Geschäftsleiter mit, daß ihn zwei Offiziere der Roten Armee zu sprechen wünschen. Als Hugo Schrade kurze Zeit später im Werk eintraf, stellte sich ihm Major Scharow vor, der, ebenso wie sein Begleiter, einem topographischen Truppenteil angehörte. Der Major beauftragte Hugo Schrade, das Werk wie bisher zu leiten und stellte ihm die entsprechenden Vollmachten der Besatzungsmacht aus. Noch am gleichen Tag übernahm Kapitän Grigorjew das Kommando über das Zeiss-Werk. Davon setzte Hugo Schrade am 2. Juli 1945 die Betriebsleiter in Kenntnis.{1}
Abb. 2 Geschäftsleiter Dr. Hugo Schrade
Den Wechsel der Besatzungstruppen nutzend, versammelte Otto Marquardt am gleichen Tag die Mitglieder des Arbeiter- und Angestellten-Ausschusses, um den Ausschuß in einen Betriebsrat umzubilden und personell zu ervveitern.{2} Am folgenden Tag
kamen die Geschäftsleiter mit Mitgliedern des Betriebsrates zusammen. Sie erörterten die künftige Stellung der Belegschaftsvertretung und berieten, was zu tun war, um aktive Verfechter des Nationalsozialismus im Werk aus führenden Positionen zu entfernen. Die Betriebsräte forderten die Geschäftsleitung auf, dafür zu sorgen, daß aus dem Statut der Carl-Zeiss-Stiftung alles entfernt wird, was die Nationalsozialisten 1935 in ihrem Sinne verändert hatten.{3} Die Geschäftsleiter, die ebenfalls an der
{1} BACZ Nr. 15139 (Protokoll der Betriebsleiterbesprechung vom 2. Juli 1945); Nr. 23407 (Information über den Truppenteil der Roten Armee mit der Feldpostnummer 94982).
{2} Mühlfriedel/Hellmuth: Betriabsratstagebuch, S. 193, 197.
{3} BACZ Nr. 12660 (Protokoll der ersten gemeinsamen Sitzung von Geschäftsleitung und Betriebsrat vom 3. Juli 1945).
Die Sowjetische Verwaltung des Zeiss-Werkes [Seite 25]
Wiederherstellung der ursprünglichen Fassung des Statuts interessiert waren, beantragten am 16. Juli 1945 beim Regierungspräsidenten in Weimar, die vom nationalsozialistischen Geist geprägten Passagen aus dem Statut zu entfernen
und den von Ernst Abbe verfaßten Text wieder herzustellen. Dem wurde am 15. November 1945 auch entsprochen.{4}
Am 7. Juli 1945 waren die Geschäftsleiter zu einem Informationsgespräch beim sowjetischen Stadtkommandanten, der sie wissen ließ, daß die Besatzungsmacht an einer zügigen Wiederaufnahme der Produktion interessiert sei.{5}
Das erklärte Interesse der Besatzungsoffiziere an einer zügigen Wiederaufnahme der Produktion bestärkte die Geschäftsleiter und den Betriebsrat in ihrer Absicht, dafür die Voraussetzungen unverzüglich zu schaffen. Dazu gehörten in erster Linie das Beheben von Kriegsschäden, die konsequente Fortsetzung des Konversionsprozesses und die Aufstellung eines Produktionsprogramms für die kommenden Monate. Das erörterten Hugo Schrade und Victor Sandmann mit den Betriebs- und Vertriebsleitern.{6} Victor Sandmann legte am 10. Juli 1945 das Produktionsprogramm des Zeiss-Werkes für die kommenden Monate vor, das er den Leitungskräften am folgenden Tag erläuterte.{7} Die Notwendigkeit, alsbald mit der Produktion zu beginnen, ergab sich vor allem aus der finanziellen Situation des Werkes. Die sowjetischen Besatzungsbehörden hatten die Firmenkonten bei den Finanzinstituten gesperrt, so daß man in absehbarer Zeit nicht auf die Firmenguthaben bei den Banken in Jena und Berlin zurückgreifen konnte. Von den Finanzmitteln in Höhe von 19,2 Millionen RM, über die das Zeiss-Unternehmen in der sowjetischen Besatzungszone verfügte, befanden sich lediglich 2,6 Prozent in der Firmenkasse.{8} Aus dem gleichen Grund konnten Außenstände bei Firmen im sowjetischen Besatzungsgebiet nicht eingezogen werden, und die Geschäftsverbindungen zu den Kunden in den westlichen Besatzungszonen waren unterbrochen. Um die laufenden Kosten zu decken, vor allem um Löhne und Gehälter auszahlen zu können, mußten Bestände und neu produzierte Erzeugnisse verkauft werden. über die geschäftlichen Absichten des Stiftungsunternehmens unterrichtete die Vertriebsabteilung die Kundschaft in einem Schreiben vom 30. Juli 1945:
„Kurz nach der Besetzung der Stadt Jena durch die amerikanischen Truppen hat das Zeiss-Werk seine Tätigkeit wieder aufgenommen, und auch unter der russischen Besatzung wird die Arbeit in unseren Werkstätten fortgesetzt. Nach
{4} Chronik des Zeiss-Werkes, verfaßt von Fritz Ortlepp, (Typoskript), S. 648. Die endgültige Bestätigung des Statuts der Carl-Zeiss-Stiftung erfolgte erst am 11. Juni 1947. Ortlepp: Chronik des Zeiss-Werkes, S. 659.
{5} BACZ Nr. 6471 (Niederschrift über die Besprechung der Geschäftsleiter beim Stadtkommandanten am 7. Juli 1945.
{6} BACZ Nr. 15139 (Protokoll der Betriebsleiterbesprechung vom 2. Juli 1945); Nr. 8233 (Protokoll der Betriebsleiterbesprechung vom 11. Juli 1945).
{7} BACZ Nr. 8233 (Protokoll der Betriebsleiterbesprechung vom 11. Juli 1945).
{8} BACZ Nr. 19389 (Bilanz der Fa. Carl Zeiss Jena für das Geschäftsjahr 1944/45). Für das Wertausgleichskonto wurde am 16. Juli 1948 angegeben, daß zum 30. September 1947 Guthaben im Wert von 17,7 Millionen RM von den sowjetischen Behörden gesperrt worden waren. BACZ. Nr. 15704 (Wertausgleich).
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Wegfall der Herstellung von militärischen Geräten haben wir unseren Betrieb vollständig auf die Fertigung der Ihnen bekannten Erzeugnisse für zivilen Bedarf umgestellt und sind somit in der Lage, Aufträge auf diese Geräte wieder entgegenzunehmen und auszuführen. Zur Zeit besteht allerdings die Beschränkung, daß Lieferungen nur in das russische Besatzungsgebiet erfolgen dürfen, die jeweils der Genehmigung des hiesigen russischen Werkskommandanten bedürfen. Die Genehmigung wird erteilt, wenn nicht russische Interessen durch diese Lieferungen beeinträchtigt werden.{9}
Der Plan des Volkskommissars für Bewaffnung
Diese Kundeninformation sollte sich als zu optimistisch erweisen, denn während die Geschäftsleiter, die Betriebs- und Vertriebsleiter, die Betriebsräte, von Teilen der Belegschaft unterstützt, alles unternahmen, um im Zeiss-Werk wieder friedensgemäße Verhältnisse zu schaffen, verfolgten die Offiziere aus dem Volkskommissariat für Bewaffnung der UdSSR, die am 11. Juli 1945 in Jena eintrafen, einen ganz anderen Plan. Der Volkskommissar für Bewaffnung der UdSSR Dimitri E Ustinow, dem die gesamte feinmechanisch-optische Industrie in der Sowjetunion unterstand, hatte im Frühjahr 1945 Anspruch auf die Überführung der beiden Stiftungsunternehmen Zeiss und Schott einschließlich eines großen Teils der Belegschaften in die UdSSR angemeldet. Dem hatte man auch stattgegeben, so daß es dem Volkskommissariat nach der Besetzung Thüringens durch die Rote Armee vor allem darauf ankam, ein Bild vom Zeiss-Potenzial zu gewinnen und Unterlagen, Ausrüstungen, Fertigerzeugnisseusw. sicherzustellen. Welche Pläne der Volkskommissar hinsichtlich der feinmechanisch-optischen Industrie in Thüringen hegte, wird im Herbst 1945 deutlich. Am 12. Oktober 1945 legte Ustinow in einer „Beschlußvorlage für Verfügung des Rats der Volks-
kommissariate" die Einzelheiten über den Abbau der Stiftungsunternehmen und die Deportation der Fachkräfte fest. Danach wollte er mit den Ausrüstungen 2.000 deutsche Wissenschaftler, Ingenieure und Techniker in die UdSSR verbringen, die den ordnungsgemäßen Aufbau des Demontagegutes vornehmen sollten. In einem Schreiben an den Leiter des sowjetischen Geheimdienstes, Lawrenti P. Berija, vom 12. Oktober 1945 wies Ustinow daraufhin, daß durch die Überführung der Ausrüstungen der beiden Jenaer Unternehmen die Optik-Fertigung in der UdSSR um mehr als das Zweifache angehoben werden kann. Gleichzeitig
werde die steigende Produktion den Export feinmechanisch-optischer Erzeugnisse erlauben. Das begründete der Volkskommissar damit, daß es in den Balkanstaaten überhaupt keine derartige Industrie gibt, und sie in den europäischen Staaten nicht ausreichend entwickelt ist. Dieser Export werde für die UdSSR dringend benötigte Devisen bringen. Selbstverständlich spielte bei den Überlegungen des Volkskommissars auch eine Rolle, daß durch die Demontage der
{9} BACZ Nr. 19223 (Schreiben der Abteilung Disp. Raul Leonhardt vom 30. Juli 1945).
Die Sowjetische Verwaltung des Zeiss-Werkes [Seite 27]
Stiftungsunternehmen den Deutschen die Möglichkeit, künftig optische Militärgeräte zu produzieren, entzogen, zumindest erschwert wird. Mit der Verfügung des Ministerrates der UdSSR Nr. 1539-686 vom 9. Juli 1946 bestimmte J. W. Stalin, daß die Demontage der Stiftungsunternehmen am 22. Oktober 1946 zu beginnen hat. Um dieses Vorhaben zu realisieren, mußte der Abbau der Forschungs- Entwicklungs- und Fertigungskapazitäten vorbereitet und ausgeführt werden. Zugleich galt es, in der UdSSR die Voraussetzungen für den Aufbau der Ausrüstungen und für die Unterbringung des deutschen Fachpersonals zu schaffen.{10}
Doch zurück zu den Vorgängen in Jena im Juli 1945. Am 11. Juli 1945 kam eine Inspektionsgruppe des Volkskommissariats für Bewaffnung nach Jena, der Oberstleutnant Skopinzew von der Artillerie-Verwaltung und die IngenieurMajore Turügin und Winogradow angehörten. Skopinzew hatte vor dem Zweiten Weltkrieg die Zeiss-Lieferungen in die UdSSR abgenommen und die Verbindung zu den sowjetischen Handelsunternehmen in Berlin gehalten.{11} Die Inspekteure nahmen die Laboratorien, Konstruktionsbüros und Werkstätten in Augenschein und zeigten besonderes Interesse für die optischen Militärgeräte. Schließlich erörterten sie mit der Geschäftsleitung, welche Militärgeräte das Werk für die Rote Armee fertigen könnte. Ernst Fischer, der für die Militärgerätefertigung zuständig war, gewann aus einem Gespräch, das er am 17. Juli 1945 mit Turügin
geführt hatte, den „Eindruck, daß der Bericht dieser Dreier-Kommission maßgebend sein wird für die seitens des zuständigen Volkskommissariats in Moskau zu fassenden Beschlüsse" über die beste und zweckmäßigste Verwertungsmöglichkeit der Jenaer Potenziale.{12}
Am 19. Juli 1945 beendeten die drei Abgesandten des Volkskommissariats ihre Inspektion. Während der Oberst nach Moskau zurückkehrte, blieben die Ingenieur-Majore in Jena. In ihrem Inspektionsbericht, der am 18. August 1945 in Moskau vorlag, wurde empfohlen, in den nächsten Monaten einen größeren Kreis von Fachleuten zur Informationsgewinnung nach Jena zu entsenden, den Rüstungsbereich zu demontieren, den „zivilen Teil des Anlagenbaus (gemeint ist der Gerätebau d. V.) im Zentralwerk Zeiss und die Produktion von optischen Gläsern hierfür im Werk Schott" vorerst zu belassen und vollständig wiederherzustellen. Ferner wurde vorgeschlagen, in Jena einen sowjetischen Direktor und einen Hauptingenieur mit dem Auftrag einzusetzen, Planungsdaten für den Wiederaufbau der demontierten Produktionsanlagen in der Sowjetunion zu erarbeiten.{13}
Das Volkskommissariat setzte am 28. Juli 1945 eine Technische Kommission im Zeiss-Werk ein, die zunächst von Turügin und Winogradow geleitet wurde.
{10} Matthias Uhl: Das Ministerium für Bewaffnung der UdSSR und die Demontage der Carl Zeiss Werke in Jena - eine Fallstudie. In: Sowjetische Demontagen in Deutschland 1944-1949. Hintergründe, Ziele und Wirkungen. Hrsg. von Rainer Karlsch/Jochen Laufer unter Mitarbeit von Friederike Sattler. Zeitgeschichtliche Forschungen Band 17, Berlin 2002,S. 119-123.
{11} BACZ Nr. 6471 (Aktenvermerk über laufende Besprechungen mit Oberstleutnant Skopinzew
am 16. Juli 1945).
{12} BACZ Nr. 6471 (Aktenvermerk Ernst Fischer über Besprechung mit Major Turügin vom 17. Juli 1945).
{15} Uhl: Das Ministerium für Bewaffnung der UdSSR, S. 118.
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Kurze Zeit später übernahm Generalmajor Nikolajew die Leitung der Kommission. Diese Kommission, die werksintern als sowjetische oder russische Werkskommission bezeichnet wurde, ging, nachdem die Stiftungsunternehmen am 31. Dezember 1945 vom Chef der SMA in Thüringen, Kolesnitschenko, unter Sequester gestellt worden waren, in die Sowjetische Verwaltung der Werke Zeiss und Schott ein.{14} Sie wurde seit Ende 1945/Anfang 1946 vom Chef der 2. Hauptverwaltung im Volkskommissariat für Bewaffnung, Generalmajor A. E. Dobrowolski, geleitet. Die Hauptverwaltung war für die gesamte feinmechanisch-optische Industrie in der UdSSR verantwortlich. Generalmajor Nikolajew fungierte nun in dieser Verwaltung als Chefkonstrukteur. Die anderen Mitarbeiter der Werkskommission waren weiterhin für die verschiedenen Fachgebiete zuständig.
Die Offiziere der sowjetischen Werkskommission hatten zwischen Sommer 1945 und Herbst 1946 ein breites Spektrum von Aufgaben zu bewältigen. Die Hauptaufgabe bestand in der Vorbereitung der vollständigen Demontage der Unternehmen der Carl-Zeiss-Stiftung und der feinmechanisch-optischen Werke in Saalfeld und Gera. Sodann ging es um die systematische Erschließung des Entwicklungsstandes auf dem Gebiet des optischen Militärgerätebaus. Dabei kam es der Werkskommission besonders auf die Weiterführung von ausgewählten Entwicklungsthemen an. Dazu übergab Nikolajew am 7. September 1945 Hugo Schrade eine Liste mit 40 Geräten, deren Entwicklung während des Krieges nicht abgeschlossen werden konnte und an denen das Volkskommissariat ein besonderes Interesse hatte. Er ließ den Geschäftsleiter ferner wissen, daß im Zuge des Konversionsprozesses nichts zerstört werden dürfe, denn „die reichen Erfahrungen von CZ sollen Rußland zugute kommen". Ob die Fertigung dieser Geräte in Rußland erfolgen werde, sei noch nicht klar.{15} Hugo Schrade, der daran interessiert war, die Entwicklung und Fertigung von Militärgeräten innerhalb des Werkes zu separieren, schlug vor, die Arbeiten an den 40 Mustergeräten in einer besonderen Abteilung auszuführen. In dieser Abteilung mit der späteren Bezeichnung Konstruktionsbüro Versuchsgeräte (KoV) arbeiteten Ende März 1946 150 Personen unter besonderen Sicherheitsvorschriften.{16} Die Verantwortung für den Bau der Mustergeräte wurde Hans Bachmann und für andere Militärgeräte Georg Kresse übertragen.
Am 26. November 1945 erhielt Hugo Schrade von Generalmajor Nikolajew eine Aufstellung der „wichtigsten wissenschaftlich-technischen Aufgaben, welche von der Firma Carl Zeiss selbständig und in Zusammenarbeit mit der Firma Schott durchgeführt werden müssen". Sie enthielt zwölf wissenschaftlich-technische
{14} Garde-Generalmajor Kolesnitschenko hatte mit seinem Befehl Nr. 156 vom 31. Dezember 1945 auf „die Fa. Karl Zeiss u. ihre Filialen: Optische Fabrik in Saalfeld, Apparatebau in Saalfeld, Technisches Werk in Gera im Gesamtwert von RM. 93.586.152. - It. Bilanz" ein „Sequester gelegt" BACZ Nr. 15132.
{15} BACZ Nr. 6257 (Vereinbarung über bestellte Entwicklungsarbeiten mit Nikolajew vom 7. September 1945).
{16] BACZ Nr. 6359 (Niederschrift über eine Besprechung mit Nikolajew vom 7. September 1945); (Sondergenehmigung zum Betreten der Abt. KoV vom 16. November 1945); BACZ Nr. 9793 (Protokoll der Betriebsleiterbesprechung vom 1. April 1946).
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Komplexe auf militärtechnischem Gebiet.{17} In einem Schreiben an Hugo Schrade benannte Nikolajew diese Komplexe und die Art der erwarteten Ergebnisse. Die zwölf Komplexe sind in der Tabelle 3 im Tabellenanhang aufgeführt. Für Nikolajew hatten die Arbeiten über das Quarzschmelzen und die ultrarotempfindlichen Zellen Vorrang. Die Werkskommission fmanzierte die Bearbeitungskosten aus ihrem eigenen Haushalt.{18} Die Geschäftsleitung setzte für die einzelnen Komplexe Fachleute als verantwortliche Leiter ein.{19} Zur sachgerechten Bearbeitung der "Ultrarot-Thematik" wurden Dr. Paul Görlich, Dr. Paul Gänswein, Dr. Alfred Krohs und Ingenieur Werner Haunstein von Zeiss-Ikon Dresden nach Jena geholt.{20} Im März 1946 machte Nikolajew sehr detaillierte Vorgaben für die Organisation dieser Arbeiten. Obgleich die Laufzeit verschiedener Themen bis Ende 1946 ausgelegt war, drängte die Werkskommission auf den Abschluß der Arbeiten.{21}
Die zweite Aufgabe für die Mitarbeiter der sowjetischen Werkskommission bestand darin, dafür zu sorgen, daß Jenaer Techniker und Facharbeiter eine Fertigungsstätte für den Photoapparat Contax in der UdSSR vorbereiten. Zunächst hatte das Zeiss-Werk seit August 1945 Photo-Objektive an Zeiss lkon in Dresden zu liefern. Im September forderte die Technische Kommission die Fertigung der kompletten Kamera im Zeiss-Werk. Am 17. Oktober 1945 wurde die Geschäftsleitung schließlich angewiesen, für eine Kamera-Fertigung in Kiew bis zum 1. März 1946 die technischen Grundlagen zu schaffen.{22} Dazu gehörten Zeichnungen für
alle Einzelteile, Baugruppen, Werkzeuge und Vorrichtungen, die Beschreibung aller Arbeitsgänge, Spezial-und Montagevorschriften usw. sowie Bau und Erprobung von Werkzeugen, Vorrichtungen, Lehren und Spezialmaschinen. Dieser
Auftrag konnte erst im September 1947 abgeschlossen werden.{23}
Im Februar 1946 erhielt die Geschäftsleitung den Auftrag, eine Optik-Fabrik für die UdSSR zu entwerfen. Der dazu gebildete Optikplanstab aus Ingenieuren, Technikern und Meistern schuf eine umfassende Dokumentation über die Optikfertigung. Erstmals wurde in 18 Bänden der technologische Prozeß zur Herstellung von optischen Elementen und -systemen aus einer modernen ingenieurtechnischen Sicht beschrieben.{24}
{17} BACZ Nr. 13449 (Niederschrift über eine Besprechung mit der sowjetischen Werkskommission am 26. November 1945).
{18} BACZ Nr. 4900 (Technisch-wissenschaftliche Entwicklungs-Aufgaben - Generalmajor Nikolajew vom 26. November 1945).
{19} BACZ Nr. 4900 (Bearbeiter der Technisch-wissenschaftlichen Entwicklungs-Aufgaben).
{20} Information von Werner Haunstein.
{21} BACZ Nr. 4900 (Die wichtigsten wissenschaftlich-technischen Aufgaben, welche von der Carl Zeiss selbständig und in Zusammenarbeit mit der Firma Schott durchgeführt werden müssen (Bestellung der Kommission NKVV) vom 26. November 1945).
{22} BACZ Nr. 15127 (Besprechung zwischen Turügin, Schrade und v. Hohlbeck am 17. Oktober 1945); BACZ Nr. 647 (Contax-Objektive und von Carl Zeiss gefertigtes Zubehör. 11. September 45).
{23] BACZ Nr. 4718 (Befehl von Major Selenin vom 12. September 1947).
{24} Edith Hellmuth: Die Entwicklung des VEB Carl Zeiss JENA 1945-1954 als Bestandteil der Wirtschaftsentwicklung und Wirtschaftsstruktur der sowjetischen Besatzungszone und der DDR. Abschlußarbeit Humboldt-Universität Berlin 1989, S. 20.
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Die Mitglieder der Werkskommission kontrollierten schließlich, daß der Auftrag der Versorgungsabteilung der Hauptpolitverwaltung der Roten Armee vom Frühherbst 1945, 5.000 Filmvorführgeräte nach einem sowjetischen Modell zu fertigen, ausgeführt wurde.{25} Im Dezember 1945 begann die Fertigung des Tonkinokoffers K 25 und im Frühjahr 1946 des verbesserten K 101.{26} Von beiden Modellen wurden insgesamt 3.500 Stück an die Rote Armee ausgeliefert.{27} Dabei waren außerordentliche Schwierigkeiten zu bewältigen, die vor allem aus dem desolaten Zustand der Zulieferindustrie resultierten. Darüber hinaus forderte Generalmajor Nikolajew die Konstruktion eines vollkommen neuen Apparates. Unter der Bezeichnung D 15 entstand
ein Gerät, das seit 1947 in der Optischen Anstalt Saalfeld in einer größeren Stückzahl produziert wurde und einen breiten Abnehmerkreis fand.{28}
Abb. 3 Betriebsleiter Rudolf Müller und Major Lebedew am Tonkinokoffer K 25. 1. März 1946
Die Reparationslieferungen 1945 und 1946
Die sowjetischen Vorgaben für 1946
Ab Herbst 1945 trat die dritte Aufgabe der Werkskommission in den Vordergrund. Sie hatte dafür Sorge zu tragen, daß die verschiedenen sowjetischen Dienststellen mit Zeiss-Erzeugnissen aus der laufenden Produktion versorgt wurden. Empfänger waren wissenschaftliche Einrichtungen, staatliche Handelsorganisationen, die die Rote Armee und die Zivilbevölkerung in der UdSSR mit Konsumgütern belieferten, sowie sowjetische Außenhandelsunternehmen. Nachdem die
{25} Iwan Sosonowitsch Kolesnitschenko: Im gemeinsamen Kampf für das neue antifaschistisch-demokratische Deutschland entwickelte und festigte sich unsere unverbrüchliche Freundschaft. Beiträge zur Geschichte Thüringens (Hrsg. SED Bezirksleitung Erfurt, Bezirkskommission zur Erforschung der Geschichte der örtlichen Arbeiterbewegung), Erfurt 1985, S. 33-34.
{26} BACZ Nr. S 95 (WL. Bericht der Technischen Direktion über das Zeiss-Werk).
{27} BACZ Nr. 15834 (Entwurf eines Schreibens von Carl Zeiss Jena an die Finanzabteilung der SMATh vom 11. August 1947).
{28} BACZ Nr. 13449 (Niederschrift über eine Besprechung mit der sowjetischen Werkskommission vom 26. November 1945); BACZ Nr. S 95 (Bericht der Technischen Direktion über das Zeiss-Werk).
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SMAD im Oktober 1945 die Organisation und Finanzierung der Reparationslieferungen aus der laufenden Produktion ostdeutscher Betriebe neu geregelt hatte, verlangte die Werkskommission Anfang November 1945 von der Geschäftsleitung die Vorlage eines Produktionsplans für das Jahr 1946. Damit wurde das Stiftungsunternehmen vom sowjetischen Planungssystem erfaßt, denn nun bestimmte nicht mehr die Geschäftsleitung den Umfang und die inhaltliche Ausrichtung des Produktionsprogramms, sondern die 2. Hauptverwaltung des Volkskommissariats für Bewaffnung bzw. die Abteilung für Reparationen und Lieferungen bei der SMAD. Die Geschäftsleitung hatte aufgrund der gegebenen Bedingungen für 1946 ein mögliches Produktionsvolumen von 83,2 Millionen RM errechnet und angegeben. Damit zeigte sich die sowjetische Seite nicht zufrieden. In einer Besprechung, die der Leiter der Abteilung für Reparationen und Lieferungen, Generalmajor Sorin, am 17. November 1945 mit den Zeiss-Geschäftsleitern in Berlin-Karlshorst führte, ging es vor allem um die Reparationsleistungen, die vom Zeiss-Werk erwartet wurden. Der Generalmajor erklärte den Geschäftsleitern: „Die Firma ist verpflichtet, in erster Linie ihre gesamte (oder fast gesamte) Produktion für die Aufträge der ARL (Abteilung für Reparationen und Lieferungen d. V.) zu reservieren. Die Produktion CZ wird durch die ARL blockiert. Direkte Belieferung an russische Bedarfsträger ohne Bestellungsverfügung der ARL ist nicht mehr gestattet, ausgenommen die bei Photo und Telez {29} laufenden alten Aufträge".{30} Sorin hielt das von der Geschäftsleitung
für 1946 vorgesehene Produktionsvolumen für zu gering und verwies auf den Umsatz im Jahre 1944, der zwischen 215 und 240 Millionen RM betragen habe. Hugo Schrade machte den Generalmajor darauf aufmerksam, daß die Umsatzzahlen der Kriegsjahre nicht nur die Leistungen des Zeiss-Werkes enthalten, sondern auch die der Zulieferfirmen. Ohne diese Zulieferungen habe sich der Zeiss-Umsatz lediglich auf 87 Millionen RM belaufen. Hugo Schrade äußerte gegenüber dem Generalmajor noch die Bitte, die Ernährung der Belegschaft sicherzustellen. Tatsächlich wurde Jena zum 1. November 1945 als Industriestadt eingestuft, worauf sich die Lebensmittelversorgung in Jena etwas verbesserte.{31}
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Die Geschäftsleitung erhöhte das für 1946 geplante Produktionsvolumen auf 116 Millionen RM.{32} Major Selenin, in der Werkskommission für die Produktionsplanung zuständig, überarbeitete die Proportionen zwischen den Warengruppen nochmals. So reduzierte er die vorgesehenen Fertigungsstunden für die Warengruppen Mikroskope, Medizinische Geräte, Vermessungsgeräte, Feinmeßgeräte sowie für Feldstecher und erhöhte sie bei Analysenmeßgeräten.{33} Diese Vorgaben
{29} Betriebsinternes Kürzel für die Warengruppe Fernrohre (Feldstecher, Zielfernrohre).
{30} BACZ Nr. 15293 (alt) (Besprechung bei der Abteilung für Reparationen und Lieferungen bei der SMAD vom 17. November 1945).
{31} BACZ Nr. 26785 (alt) (Lebensmittelversorgung 1945).
{32} BACZ Nr. 6497 (Übersicht über den Produktionsplan und dessen Erfüllung in den Quartalen I.-IV. 1946).
{33} BACZ Nr. 15293 (alt) (Besprechung mit Major Selenin über Produktionsplan für 1946 am 26.- 27. Dezember 1945); Nr. 8043 (Übersicht über die von Major Selenin vorgenommene Programmänderung); Nr. 8233 (Protokoll der Betriebsleiterbesprechung vom 4. Januar 1946).
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erwiesen sich 1946 ohnehin nur als vorläufig, denn die konkrete Auftragslage änderte sich ständig.
Die Probleme bei der Planerfüllung
Da die Geschäftsleitung den auf Druck von Generalmajor Sorin und der Werkskommission neu zusammengestellten Produktionsplan für das Jahr 1946 als unrealistisch ansah, entschloß sie sich am 26. Dezember 1945, der Werkskommission für das I. Quartal 1946 einen Plan in zwei Varianten einzureichen. Die erste Variante enthielt das auferlegte Produktionssoll und die zweite den vermutlich erreichbaren Produktionsumfang. Die Geschäftsleitung wählte diesen Weg, um sich gegen eine Konventionalstrafe abzusichern, die in dem Falle drohte, daß die vorgeschriebenen Lieferungen an die UdSSR nicht termingemäß erfolgten. Die zweite Variante wurde wie folgt begründet: „Zweck dieser Liste ist nicht nur unsere Sicherung gegenüber den Russen hinsichtlich der Konventionalstrafe, sondern auch, um zusammen mit den Russen zu versuchen, die eingetretenen Schwierigkeiten zu beheben!"{34}
Tatsächlich zeigte sich schon nach wenigen Wochen, daß die sowjetischen Vorstellungen von der Leistungsfähigkeit des Jenaer Unternehmens in diesen Zeiten unrealistisch waren, denn der für das I. Quartal 1946 vorgeschriebene Umsatz ließ sich nicht erreichen. So verhielt es sich auch in den folgenden Quartalen, so daß sich die Werkskommission ungeachtet aller Drohungen gegenüber der Geschäftsleitung genötigt sah, die Produktionsauflagen zu reduzieren.{35}
Dafür gab es mehrere Ursachen. Das Zeiss-Werk erhielt nicht mehr die nötigen Zulieferungen. Die Gußlieferungen aus Sachsen und Thüringen waren nahezu vollständig ausgefallen, denn die Gießereien verfügten weder über Roheisen noch über geeignete Brennstoffe. Es mangelte an Elektroerzeugnissen für die Geräte, die man bis Kriegsende vornehmlich aus Süd- und Westdeutschland bezogen hatte. Ebenso verhielt es sich mit schwarzmetallurgischen Halbzeugen, speziellen Chemikalien, Diamanten, Spiegelglas, Werkzeugen usw., die bis Kriegsende ebenfalls aus Westdeutschland geliefert wurden. Die Versuche, in
der Ostzone Ersatz zu schaffen, hatten nur geringen Erfolg, weil den einschlägigen Unternehmen selbst Roh- und Brennstoffe fehlten. Viele Firmen waren wegen Bombenschäden und Demontage lieferunfähig.
Im Zeiss-Werk selbst bestanden betriebliche Engpässe. Die Teilerei war der geforderten Produktionssteigerung kapazitiv nicht gewachsen. So fehlten vier automatische Kreistelimaschinen und zwei bis drei Maschinen zur Herstellung der linearen Teilung, um den Anforderungen zu genügen. Der Mangel an Gußteilen
{34} BACZ Nr. 4902 (Erstellung von zwei Listen für Fertigung und Lieferungen vom 26. Dezember 1945).
{35] BACZ Nr. 6497 (Übersicht über den Produktionsplan und dessen Erfüllung in den Quartalen I-IV. 1946 vom 19. Juni 1946).
Die Sowjetische Verwaltung des Zeiss-Werkes [Seite 33]
ließ die Eigenanfertigung dieser Maschinen nicht zu. Die Tischlerei und die Mikroskopfasserei waren durch Bombenschäden nicht voll arbeitsfähig. Obendrein war die Tischlerei durch die vielen Einzelanfertigungen für die Besatzungstruppen über Gebühr beansprucht. Ein Umzug der Fertigungsstätten in geeignete Räumlichkeiten ließ sich wegen fehlender Transportmittel nicht bewerkstelligen.In den betrachteten Wochen und Monaten gelang es nicht, die im Zeiss-Werk üblichen Arbeitsleistungen zu erbringen. Es fehlte an eingearbeiteten Arbeits-kräften. Ein großer Teil der qualifizierten Arbeiter befand sich noch in Kriegsgefangenschaft. Neu eingestellte Arbeitskräfte mußten erst eingearbeitet werden. Die Übersiedlung von Fachkräften in die amerikanische Zone hatte eine empfindliche Lücke gerissen. Eine nennenswerte Anzahl fachlich versierter Belegschaftsmitglieder war von sowjetischen Dienststellen aus unterschiedlichen Gründen festgenommen worden. Das Mehrschichtsystem konnte nicht ohne weiteres wieder eingeführt werden, weil die Arbeitswege in den Abend- und Nachtstunden unsicher und die Verkehrsverbindungen höchst unstet waren. All das führte dazu, daß das Werk nur 70 Prozent der Friedensleistung erbrachte.{36}
Der zwischen November 1945 und Dezember 1946 erzielte Umsatz sowie der Teil, der von den sowjetischen Besatzungsbehörden davon in Anspruch genommen wurde, ist in der Tabelle 4 im Tabellenanhang aufgeführt. Um die Produktion wieder in Gang zu setzen und die sowjetischen Aufträge auszuführen, war die Geschäftsleitung genötigt, bei der Landesbank Thüringen erhebliche Kredite aufzunehmen. In einem Briefentwurf an das Landesamt für Finanzen beschreibt Dr. Friedrich Wönne die Situation Ende 1946 so: „Wir haben nach der Besetzung Thüringens durch die Russen am 1.7.1945 auf russischen Befehl unsere Fabrikation in großem Umfang ausbauen müssen, um den Forderungen der Russen auf Lieferungen von Geräten für Reparationen nachkommen zu können. Diese Vergrößerung ist gegen unseren Willen erfolgt, denn wir hätten von uns aus die Werke höchstens bis zu einer Belegschaft von 7-8.000 Personen ausgebaut. Da die Anlagen und Vorräte für Reparationslieferungen von uns angeschafft wurden, erscheint es recht und billig, daß sie auch seitens der Russen als Reparationslieferungen und nicht als Kriegsbeute behandelt werden, zumal die Reparationslieferungen ausschließlich aus Zivilgeräten bestanden.{37}
Die Firma Carl Zeiss nahm im zweiten Halbjahr 1945 drei Kredite von insgesamt 10.496.000 RM auf, von Februar bis Ende November 1946 kamen weitere Kredite in Höhe von 142.960.000 RM hinzu. Davon machten die Reparationskredite 49,8 Prozent aus. Diesen Verbindlichkeiten standen Forderungen an die sowjetischen Auftraggeber in Höhe von 38,2 Millionen RM gegenüber. Hinzu
kam die Erwartung, daß der Antrag vom 14. April 1946 auf Preiserhöhung für die Zeiss-Erzeugnisse eine Nachzahlung von zehn Millionen RM erbringt. Diesen
{36} BACZ Nr. 8043 (Schreiben von Hugo Schrade an die sowjetische Werkskommission vom 21. Dezember 1945).
{37} BACZ Nr. 19667 (Briefentwurf an das Landesamt für Finanzen vom 21. November 1946).
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Antrag hatte man damit begründet, daß die Stopp-Preise von 1944 die tatsächlich entstandenen Kosten nicht decken. Bis Ende Oktober 1946 war die geforderte Preiserhöhung noch nicht genehmigt worden.{38}
Nachdem die Offiziere des Volkskommissariats bzw. Ministeriums für Bewaffnung{39} die inhaltliche Ausrichtung der Forschung, Entwicklung und Fertigung übernommen hatten, blieb der Geschäftsleitung kein Spielraum mehr, um ihre strategischen Intensionen vom Juli 1945 zu realisieren. Der Konversionsprozeß wurde durch die Entwicklungsaufträge für optische Militärgeräte unterbrochen. Es mußten profilfremde Aufträge ausgeführt werden. Dazu gehörte die Konstruktion des neuen Tonkinokoffers und dessen Fertigung in großen Stückzahlen sowie die Entwicklung und der Bau von Ausrüstungen für eine Fabrikationsstätte für Photoapparate. Diese Aufträge erlaubten auch nicht, sich von der Geraer Technischen Werkstätte GmbH und der Saalfelder Apparatebau-Gesellschaft mbH zu trennen, die auf Initiative der Wehrmacht ausschließlich zur Herstellung
von Rüstungsgütern entstanden waren. Die Reparationslieferungen zwangen dazu, die Fertigungskapazitäten stark zu erweitern. Auch das lag nicht in der ursprünglichen Absicht der Geschäftsleitung, denn es war nicht abzusehen, ob es für diese Kapazitäten nach dem Ende der Reparationsverpflichtungen noch genügend Beschäftigung geben werde. Unter dem Gesichtspunkt des Ministers für Bewaffnung war diese Kapazitätserweiterung natürlich von Vorteil, denn der vergrößerte Ausrüstungspark schlug bei der geplanten Demontage für die Sowjetunion zu Buche.
Andererseits ermöglichten die sowjetischen Aufträge, insbesondere die Reparationslieferungen aus der laufenden Produktion, die Stammbelegschaft zusammenzuhalten und zu ergänzen. Viele Arbeitskräfte aus Jena und Umgebung, die während des Krieges zur Arbeit in das Zeiss-Werk dienstverpflichtet waren, darunter vornehmlich Frauen und Mädchen, die wieder eine Beschäftigung im Zeiss-Werk aufnahmen, erhielten nicht nur Verdienstmöglichkeiten, sondern auch Lebensmittelkarten, die dazu berechtigten, größere Lebensmittelrationen zu kaufen. Während im November 1945 7.593 Beschäftigte besondere Lebensmittelkarten erhielten, waren es am 27. September 1946 12.532. Davon erhielten 4,8 Prozent die Schwerstarbeiterkarte, 49,2 Prozent die Schwerarbeiterkarte, 42,0 Prozent die Arbeiterkarte und vier Prozent die Lebensmittelkarte für Angestellte.{40} Beides, Verdienstmöglichkeiten und Lebensmittelkarten, war in diesen Monaten lebenswichtig. Die Einwohner der sowjetischen Besatzungszone hatten zu dieser Zeit keinen Zugang zu ihren Ersparnissen auf Banken und Sparkassen.
{38} BACZ Nr. 19667 (Briefentwurf an das Landesamt für Finanzen vom 25. November 1946).
{38} Am 15. März 1946 wurde das Gesetz über die Umbildung des Rates der Volkskommissare und den Ministerrat der UdSSR erlassen, danach wurde das Volkskommissariat Ministerium fürBewaffnung.
{40} BACZ Nr. 26785 (alt) (Lebensmittelkarteneinstufung. 27. September 1946).
Die Sowjetische Verwaltung des Zeiss-Werkes [Seite 35]
Deportation, Demontage und Widerstand
Der Befehl aus Moskau und der Widerstand gegen den vollständigen Abbau des Zeiss-Werkes
In der Nacht vom 21. zum 22. Oktober 1946 läuteten sowjetische Militärs an den Wohnungen von 275 Zeissianern und 12 Schott-Mitarbeitern und teilten den aus der Nachtruhe Aufgeschreckten mit, daß die Sowjetische Militäradministration angeordnet hat, die „Firma, in der Sie bisher gearbeitet haben, zusammen mit dem technischen Personal, für die weitere Arbeit nach der Sowjetunion" zu verlegen. „Mit dieser Firma werden Sie ebenfalls für die Arbeit in die Sowjetunion mobilisiert. ... Jetzt sind Sie verpflichtet, insgesamt mit Ihrer Familie, Ihrem Hab und Gut, Eisenbahnwagen zu besteigen. ... Bei der Packung Ihrer Sachen in die Wagen werden Ihnen die Soldaten behilflich sein"{41}
Unter den für einen Arbeitseinsatz in der UdSSR ausgewählten Zeissianern befanden sich nach Angaben von Victor Sandmann etwa 36 Mitarbeiter aus dem wissenschaftlichen Bereich, 100 aus der Konstruktion und 130 aus der Fertigung.{42} Zu ihnen gehörten auch Zeissianer, die, wie Dr. Karl Gundlach und der Entwicklungsleiter Artur Pulz, das Pensionsalter bereits oder fast erreicht hatten. Als der Konstrukteur Walter Kabisius von seinem Abtransport erfuhr, erlitt er einen Herzanfall, dem er Imme Zeit später erlag.{44}
Hugo Schrade wurde am Vormittag des 22. Oktober 1946 gegen 11 Uhr von Generalmajor Dobrowolski über den Demontagebefehl informiert. Der Chef der sowjetischen Verwaltung ließ ein Schreiben an den Geschäftsleiter verlesen, in dem ihm diese Tatsache mitgeteilt wurde und in dem die Maßnahmen enthalten waren, die Hugo Schrade umgehend einzuleiten hatte. Nachdem das Schreiben verlesen worden war, warnte Dobrowolski vor Sabotage beim Abbau und Verpacken des Demontagegutes durch die Belegschaftsmitglieder und drohte Strafen an. Hugo Schrade konnte erreichen, daß das Werk wie bisher in Betrieb blieb, „um ein Chaos zu vermeiden und um die Aufräumungsarbeiten zu erleichtern". Auf die Frage von Hugo Schrade, „ob Teile zurückbleiben, wird von Generalmajor Dobrowolski mitgeteilt, daß im Laufe des heutigen Nachmittags oder morgen nähere Anweisungen erfolgen, welche Teile zurückbleiben". Schrade erfuhr dann lediglich, daß die Arbeiten am Contax-Programm fortgeführt werden.
Unmittelbar nach dem Treffen mit dem Chef der Werkskommission unterrichtete Hugo Schrade die Geschäftsleiter und Betriebsräte der Stiftungsunternehmen von der neuen Situation.
{41} BACZ Nr. 8323 (Informationen an die Mitarbeiter der Werke Zeiss und Schott über ihre Arbeitsverpflichtung in die UdSSR vom 21. Oktober 1946).
{42} VA Nr. 5886 (Brief von Victor Sandmann an Paul Henrichs vom 29. Oktober 1946).
{43} BACZ Nr. 6730 (Verzeichnis der im Okt. 1946 nach der Sowjetunion deportierten Spezialarbeitskräfte des Zeisswerkes); Nr. 23736 (Namenslisten über die Rückkehr der Zeiss-Spezialisten aus der SU 1951-1953).
{44} VA Nr. 5886 (Brief von Victor Sandmann an Paul Henrichs vom 29. Oktober 1946).
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Nur wenige Stunden nach Bekanntwerden der Deportationen und des Demontagebefehls begannen die Aktionen gegen den zu Recht befürchteten vollständigen Abbau der beiden Stiftungsunternehmen. Sie erfolgten auf verschiedenen Ebenen und aus unterschiedlichen Interessen.
Von den Deutschen, die sich gegen eine totale Demontage der Stiftungsunternehmen wandten, sprach sich keiner gegen die Verpflichtung Deutschlands zur Wiedergutmachung der Schäden aus, die die deutsche Wehrmacht in der UdSSR angerichtet hatte. Sie waren aber der Ansicht, daß deshalb ein gut funktionierender und komplizierter Wirtschaftsorganismus nicht zerstört werden muß, denn es war durchaus möglich, die Wiedergutmachungsleistungen in Form von feinmechanisch-optischen Erzeugnissen, Meß- und Prüfmitteln und speziellen Ausrüstungen zu erbringen. Die Geschäftsleitung hatte unmittelbar nach dem Bekanntwerden des Demontagebefehls entsprechende Angebote unterbreitet.{45}
In Jena, Weimar und Berlin wirkten unterschiedliche politische Kräfte zusammen, um die totale Demontage der Werke Zeiss und Schott zu verhindern. Der Stiftungskommissar, die Geschäftsleiter und Betriebsräte, der thüringische Ministerpräsident sowie Funktionäre der SED intervenierten bei der Sowjetischen Militäradministration gegen die Demontage. Selbst Wilhelm Pieck und
Otto Grotewohl, die Vorsitzenden der SED, setzten sich beim Obersten Chef der SMAD dafür ein, daß Werksausrüstungen in Jena verbleiben. Letztlich war aber wohl das Interesse der Sowjetischen Militäradministration dafür ausschlaggebend, daß die Jenaer Unternehmen nicht vollends abgebaut wurden, sondern in Kernen erhalten blieben. Als Sokolowski von der beginnenden Demontage in Jena erfuhr, wandte er sich an Stalin. Er plädierte dafür, die Ausrüstungen in Jena zu belassen, die erforderlich waren, um die sächsische Kameraindustrie mit Objektiven für Photo- und Kino-Apparate zu beliefern, denn die Kameraindustrie hatte erhebliche Reparationsleistungen zu erbringen. Für das Reparationsaufkommen war letztlich Sokolowski verantwortlich. Noch im September 1946 hatte ein sowjetischer General das Zeiss-Werk damit beauftragt, monatlich 6.000
Photo-Objektive an die Dresdner Kamera-Werke zu liefern.{46} Es mag für Sokolowskis Einspruch aber auch noch politische Gründe gegeben haben, denn die Demontage der feinmechanisch-optischen Unternehmen in Thüringen erfolgte zur gleichen Zeit, in der auch andere größere Produktionsstätten in Ostdeutschland abgebaut wurden. Darunter befanden sich die Junkers-Werke in Dessau, die Henschel-Werke in Staßfurt, die Siebel-Werke in Halle, mehrere große Druckereien und Brennstoff- und Energieerzeuger.{47} Das hatte nicht nur Auswirkungen auf das wirtschaftliche Gefüge in der sowjetischen Besatzungszone, sondern auch auf die Stimmung in der Bevölkerung. Beides erschwerte den politischen Auftrag der SMAD, in Ostdeutschland die gesellschaftspolitischen Verhältnisse im Sinne der UdSSR zu verändern. Im Alliierten Kontrollrat zeigten die westlichen
{45} BACZ Nr. 1748 (Vorschläge der Fa. Carl Zeiss).
{46} BACZ Nr. 14985 (Stand der Demontage).
{47} Reiner Karlsch: Allein bezahlt. Die Reparationsleistungen der SBZ/DDR 1945-53, Berlin 1993, S. 80.
Die Sowjetische Verwaltung des Zeiss-Werkes [Seite 37]
Vertreter zu diesem Zeitpunkt ohnehin kein Verständnis mehr für die Reparationspolitik der UdSSR. So nahm der Leiter der Wirtschaftspolitischen Abteilung, Friedrich Wönne, am 2. November 1946 ein Telefonat entgegen, in dem ein Mitarbeiter der Berliner Zeiss-Filiale darüber berichtete, daß in der kommenden Woche ein Alliierter Kontrollausschuß gebildet werden soll, der sich mit den jüngsten Demontagen und Deportationen in der Ostzone befassen wird.{48}
Sokolowskis Intervention bei Stalin hatte Erfolg. Auf Stalins Anweisung legte der Ministerrat der UdSSR am 5. November 1946 fest, daß sechs Prozent der Gesamtkapazität des Zeiss-Werkes von der Demontage auszunehmen sind. Wahrscheinlich hatte Sokolowski vorgeschlagen, zehn Prozent der Gesamtkapazität in Jena zu belassen, denn diese Aussage erhielten Rudolf Jobst, Erich Matthes, Otto Marquardt und der Betriebsratsvorsitzende des Schott-Werkes, Eduard Heintz, am 7. November 1946 in einer Besprechung mit Otto Grotewohl und Wilhelm Pieck. In der Aktennotiz über diese Besprechung bei den Parteivorsitzenden, die Hermann Fechner, Vertreter des FDGB Thüringen, angefertigt hat, ist dazu vermerkt:
„Im Laufe der Aussprache gaben dann die Genossen Wilhelm Pieck und Otto Grotewohl einen Bericht über die bis zur Stunde mit der SMA Karlshorst erzielten Übereinkünfte. Dabei ist wesentlich zu bemerken, daß seitens der SMA Karlshorst die grundsätzliche Zusage erfolgte, daß in den beiden Betrieben ein Grundstock zum Wiederaufbau bzw. zur Wiederentwicklung einer Friedensproduktion gelassen wird. Da über die Höhe des Prozentsatzes der verbleibenden Betriebskapazität noch keine endgültige Festlegung erfolgte, sondern nur mit ungefähr 10% gerechnet wird"{49}
Ustinow, der seinerseits bei Stalin Einwände gegen das Ersuchen von Sokolowski vorbrachte, hatte offensichtlich dafür gesorgt, daß lediglich sechs Prozent der Produktionskapazität von der Demontage ausgenommen werden. Er ordnete am 15 November 1946 auch an, nichts von den Laboratorien und Produktionslinien zu hinterlassen, das für sein Ministerium von Interesse war.{50}
Nachdem klar war, daß das Zeiss-Werk aus sowjetischer Sicht Zulieferbetrieb der Kameraindustrie wird, begannen zwischen der Geschäftsleitung und der Sowjetischen Verwaltung der Werke Zeiss und Schott zähe Verhandlungen über Umfang und Qualität der Ausrüstungen, die in Jena verbleiben müssen, damit die erwarteten Leistungen erbracht werden können. Es mußte sich die Industrieverwaltung bei der Sowjetischen Militäradministration einschalten, damit ein Minimum der benötigten technischen Ausstattung zurückgelassen wurde.
Nachdem Hugo Schrade zur Kenntnis genommen hatte, daß zehn Prozent der Fertigungskapazität in Jena verbleiben, begann er sofort mit der Wiederaufbauplanung. Am 9. November 1946 unterbreitete er Generalmajor Dobrowolski in einem Gespräch erste Vorschläge für die Wiederaufnahme der Produktion{51}
{48} BACZ Nr. 8086 (Demontage. Sowjetische Anordnungen).
{49} BACZ Nr. 14986 (Aktennotiz betrifft Demontage der Firmen Zeiss und Schott Jena vom 7. November 1946).
{50} Uhl: Das Ministerium für Bewaffnung, S. 129.
{51] BACZ Nr. 4699 (Schreiben der Geschäftsleitung an Dobrowolski vom 10. November 1946).
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und ließ zwei Tage später Zeichnungen für eine künftige Fertigung heraussuchen. Er beauftragte Karl Müller, Leiter der Planungsstelle, den Teil des Maschinenparks zusammenzustellen, der von der Demontage auf jeden Fall ausgenommen werden muß. Müller schlug vor, daß von den 10.600 Maschinen, über die das Werk im Oktober 1946 verfügte, 700 Groß- und 250 Kleinmaschinen in Jena verbleiben. Nach den Plänen von Schrade und Müller sollte das künftige Fertigungsprogramm Brillen, Photo-Objektive, medizinische Geräte, Mikroskope und Feinmeßgeräte umfassen. Aufgrund der alliierten Bestimmungen wollte man auf die Herstellung von geodätischen und aströnomischen Geräten, Bildmeßgeräten und Feldstechern verzichten. Friedrich Wönne ersuchte Schnittger, der in der Zentralverwaltung für Industrie für die feinmechanisch-optische Industrie zuständig war, bei der SMAD dafür einzutreten, daß die Gitterteilmaschine und die 1 m-Teilmaschine nicht weggebracht werden, da sie durch den Transport
ohnehin unbrauchbar würden. Schnittger sollte sich ferner dafür einsetzen, daß Maschinen und Einrichtungen vom Abtransport ausgenommen werden, die für eine leistungsfähige Fabrik unerläßlich waren, das betraf auch die Produktionsmittel, von denen nur ein Exemplar in Jena existierte. Wönne wollte durch Schnittger auch erfahren, ob Material und Maschinen, die nach dem 8. Mai 1945 angeschafft wurden, ebenfalls der Demontage unterliegen.{52}
Der Demontageverlauf
Die Demontagearbeiten begannen Anfang November 1946 und zogen sich bis Mitte März 1947 hin. Während der Demontage liefen die Arbeiten für das Contax-Programm und die Reparationsaufträge weiter. Aber so wie die Abbauarbeiten voranschritten, kam die Produktion zum Erliegen. In der ersten Novemberhälfte 1946 bauten die Soldaten der Trophäenbrigade den Ausrüstungspark systematisch ab. Von den insgesamt 8.700 Belegschaftsmitgliedern arbeiteten am 8. November 1946 76 Prozent für die Demontagebrigade, 6,5 Prozent waren noch mit der Contax-Fertigung und 17,5 Prozent mit Reparationsaufträgen beschäftigt.{53}
Mitte November 1946 ließ Dobrowolski die Demontagearbeiten beschleunigen. Da die Beschäftigten des Zeiss-Werkes nicht ausreichten, um die anfallenden Arbeiten zu bewältigen, forderte Dobrowolski Arbeitskräfte vom Jenaer Arbeitsamt an.{54}
Unter dem 15. November 1946 vermerkt ein Bericht der Fertigungsbetriebsleitung, daß in den einzelnen Abteilungen - die Contax-Fertigung ausgenommen - 90 bis 100 Prozent der Maschinen für den Abtransport bereit stehen.{55} Um die
{52} BACZ Nr. 8086 (Schreiben von Wönne an Schnittger vom 13. November 1946).
{53} BACZ Nr. 8086 (Demontage im Zeiss-Werk); 14985 (Stand der Demontage).
{54} BACZ Nr. 27200 Tagebuch des Betriebsrates (Eintragung vom 13. November 1946).
{55} BACZ Nr. 9796 (Bericht der FBL vom 15. November 1946).
Die Sowjetische Verwaltung des Zeiss-Werkes [Seite 39]
Maschinen auf den Werkshof zu bringen, mußten oftmals die Gebäudewände aufgerissen werden, und über die Qualität der Transportverpackung wird in einem Bericht festgehalten:
„Die Art der Verpackung ist sehr primitiv und höchstwahrscheinlich von kurzer Lebensdauer. Um jede Maschine wird ein Balkengestell gebaut, das mit Maschinenschrauben zusammengeschraubt wird. Die Löcher für die Maschinenschrauben werden oft nur in einem Abstand von 4-5 cm vom Balkenende gebohrt, so daß die Balken jetzt schon aufspalten. Das fertig zusammengeschraubte Balkengestell wird dann von außen mit Brettern verschlagen. Die Innenseite der Kiste wird mit ungesandeter Dachpappe ausgekleidet. Die Oberseite der Kiste wird nicht mit Dachpappe abgedeckt, so daß der Kistendeckel durch Regenwasser und Schnee zerstört werden kann."{56}
[Bild 4]
Abb. 4 Verpacken von demontierten Maschinen im Zeiss-Werk. November 1946
Mitte November 1946 begann der Abtransport des Demontagegutes, und am 12. Dezember 1946 gibt ein Bericht an, daß die Hälfte der Maschinen und zwei Drittel der Werkzeuge bereits in die UdSSR gebracht worden sind.{57} Gegen Jahresende ging die Trophäenbrigade dazu über, aus den Werksgebäuden die
{56} BACZ Nr. 14985 (Stand der Demontage).
{57} BACZ Nr. 14985 (Stand der Demontage).
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Einrichtung für den Transport von Medien - elektrische Leitungen, Preßluft-, Gas- und Wasserleitungen -, Türen und Fenster, einschließlich der Rahmen, die Heizungsanlagen, eingebaute Schränke usw. zu entfernen. Dafür hatte die Werkskommission am 9. Dezember 1946 eine "Instruktion über die Demontage von Inneneinrichtungen von Räumen" herausgegeben, in der auch sehr eingehend beschrieben wird, was beim Abbau der sanitären Einrichtungen zu beachten ist: „Vor der Abnahme der Klosettbecken und der Pissoire sind diese mit Soda und Chlorkalk zu reinigen. Nach der Abnahme erfolgt eine zweite Reinigung mit Soda und Chlorkalk"{58}
Dieser Teil der Demontage hatte offensichtlich eine Doppelfunktion. Er diente einerseits dazu, die Voraussetzungen für eine Infrastruktur in den sowjetischen Werken zu schaffen. Zum anderen sollten dadurch die Werksgebäude für eine Wiederverwendung weitgehend unbrauchbar gemacht werden. Von der vollständigen Zerstörung waren lediglich diejenigen Gebäude ausgenommen, in denen die Contax-Arbeiten ausgeführt und die für das Photo-Optik-Programm der SMAD benötigt wurden.
Im Verlauf der Demontage kam es immer wieder zu Konflikten zwischen den Zeissianern und Offizieren und Soldaten der Trophäenbrigade. Die Geschäftsleitung und der Betriebsrat mußten sich mit dem sowjetischen Führungspersonal über die Entlohnung der Belegschaftsangehörigen auseinandersetzen, denn die Trophäenbrigade war für die Bezahlung der deutschen Arbeitskräfte zuständig. Sie hatte dafür ein Budget, das aber offensichtlich in Moskau zu knapp bemessen worden war. Zudem wollte die Trophäenbrigade lediglich die deutschen Arbeitskräfte entlohnen, die die Abbauarbeiten ausführten. Dazu waren sie aber nur in der Lage, wenn der gesamte Betriebsorganismus funktionierte. Die Arbeitskräfte, die das ermöglichten, es waren am 2. Dezember 1946 immerhin 1.093 Personen, standen nicht auf den Personallisten der Brigade und erhielten deshalb auch keinen Lohn.{59} Die Geschäftsleitung verlangte aber, auch diese Arbeitskräfte aus dem Brigade-Budget zu bezahlen. Die Entlohnung durch die Trophäenbrigade erfolgte höchst unregelmäßig. Erich Matthes erwähnte in einem Gespräch, das er am 15. Januar 1947 mit Walter Ulbricht führte, daß nahezu 1.500 Arbeiter sieben Wochen ohne Lohn geblieben waren und mehrere tausend Arbeiter nur unregelmäßig entlohnt worden sind.{60} Otto Marquardt vermerkt unter dem 26. November 1946 im Betriebsratstagebuch, daß die Arbeiter Schiemann und Helfrich sowie die Hälfte der Kollegen ihrer Arbeitsstelle lediglich einen Stundenlohn erhalten, der unter einer RM liegt. Die Betriebsräte mußten bei den Offizieren sowohl auf die Bezahlung der Überstunden als auch auf die dazu gehörenden Zuschläge in
{58} BACZ Nr. 9796 (Instruktion über die Demontage von Inneneinrichtungen von Räumen vom 9. Dezember 1946).
{59} BACZ Nr. 19205 (Lohnzahlung an Demontagekräfte).
{60} BACZ Nr. 14912 (Matthes: Notiz über eine Besprechung bei Walter Ulbricht am 29. November 1946). '
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Höhe von 20 Prozent drängen. Ebenso gab es Probleme bei der Bezahlung von Feiertagszuschlägen, Trennungsentschädigungen und bei der Fahrgeldrückerstattung.
Gegen Ende des Jahres 1946 stellte sich bei Verhandlungen mit der Werkskommission heraus, daß das Ministerium für Bewaffnung in der Annahme, die Demontagearbeiten werden bis Ende 1946 abgeschlossen, keine weitere finanzielle Vorsorge getroffen hatte, so daß finanzielle Mittel erst Ende Januar 1947 wieder bereitstanden, um die ausstehenden Löhne zu zahlen.{61}
Die Geschäftsleiter und der Betriebsrat sahen sich immer wieder veranlaßt, Belegschaftsmitglieder gegen übergriffe von Militärangehörigen in Schutz zu nehmen. So hielt Otto Marquardt unter dem 16. November 1946 im Betriebsratstagebuch fest: „Die Kollegen Rosenkranz und Gretscher sind von den Russen geschlagen und gewürgt worden". Und am 15. Dezember 1946 trägt Otto Marquardt ein: „Koll. Kimmisch, Klemp (Klempnerei d. V.) ist wegen Verweigerung von Überstunden von Russen entlassen. Er ist 31 Jahre bei Zeiss. Ich versichere ihm, daß er in 1-2 Wochen wieder Arbeit bekommt."{62}
Die Offiziere argwöhnten ständig, daß die Zeissianer ihre Anweisungen nicht ordnungsgemäß ausführen. Jede tatsächliche oder scheinbare Unregelmäßigkeit konnte als Sabotage ausgelegt und bestraft werden. Das zeigte sich auch am 20. November 1946 im Bau 29 des Hauptwerkes. An diesem Tag war beim Transport schwerer Maschinenkisten der Lastenaufzug abgestürzt. Generalmajor
Dobrowolski behauptete am 21. November 1946 gegenüber dem Betriebsrat, das Tragseil sei angeschnitten worden. Die Arbeiter Vogel und Frank aus der Photo-Dreherei, Mechsner aus der F-Fräserei und Klöpsch aus der F-Dreherei, die die Transportarbeit mit ausgeführt hatten, waren sofort von Mitarbeitern des NKWD verhaftet worden. Die Untersuchung des Vorganges ergab aber, daß das Seil gerissen war, weil es beim Herausziehen der Kisten mit Hilfe eines Krans über eine scharfe Betonkante der Hauswand gezogen worden war.{63} Das Untersuchungsresultat und das Eintreten von Otto Marquardt und Erich Matthes für die Verhafteten bei Dobrowolski führten dann dazu, daß drei der Verhafteten nach drei Tagen wieder frei kamen, Vogel aber erst am 4. Dezember 1946 an seinen Arbeitsplatz zurückkehrte. Überhaupt wurden Arbeiter immer wieder von Mitarbeitern des NKWD verhört. Darüber berichtete Erich Matthes Walter Ulb-richt in der schon erwähnten Zusammenkunft: „Außerdem ist die Arbeiterschaft über die Verhöre bei der NKWD beunruhigt.
Ungeachtet der scharfen Kontrollen und der Gefahr, verhaftet zu werden, schafften Werksangehörige ausgewählte Werkzeuge, Lehren, wertvolle Meßmittel usw. sowie schriftliche Unterlagen in der Absicht beiseite, sie für den Wiederaufbau sicherzustellen. Am 3. Dezember 1946 wurden Rudolf Klupsch
{61} BACZ Nr. 19205 (Demontageangelegenheiten).
{62} BACZ Nr. 27200 Tagebuch des Betriebsrates (Eintragungen vom 16. November und vom 15. Dezember 1946).
{63} BACZ Nr. 9796 (Demontage FBL).
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und einige seiner Kollegen aus dem Werkstofflaboratorium verhaftet, weil sie einen Spektrographen Q 24 und ein Metallmikroskop vor der Trophäenbrigade versteckt hatten.{64}
Im Verlauf der Demontage verschlechterte sich die Stimmung in der Belegschaft zusehends. Die Art der Demontage wurde als sinnlos empfunden. Niemand konnte sich vorstellen, wie die empfindlichen Gerätschaften und Maschinen den Transport überstehen und in der UdSSR wieder in Betrieb genommen werden konnten. Immer wieder gab es Gerüchte über weitere Deportationen. Vor
allem die Mitarbeiter, die am Contax-Programm arbeiteten, befürchteten, daß sie, wenn ihr Auftrag abgeschlossen ist, samt der Ausrüstung in die Sowjetunion verbracht werden könnten. In einem von Betriebsratsmitgliedern am 15. November 1946 abgefaßten Bericht heißt es:
„Es sind Anzeichen dafür vorhanden, daß eine neue Evakuierung von Spezialisten stattfindet oder unmittelbar bevorstehen könnte. Es mußten Listen von Spezialisten aus Forschungs- und Entwicklungsabteilungen eingereicht werden mit genauen Angaben ihrer Spezial-Arbeitsgebiete und ihrer Spezialarbeiten und deren Dauer - sowie Gehalts- und andere Angaben zu ihrer Person."{65}
Der Bericht informiert auch über „das Wegbleiben von Spezialisten von der Arbeit", das in den letzten Tagen zugenommen hatte. Es wurde vermutet, daß sie in die westlichen Besatzungszonen gereist sind.
Wie die Stimmung in der Zeiss-Belegschaft war, zeigt der Text eines Flugblatts, das am 19. November 1946 im Nordwerk kursierte: „Zum 100jährigen Bestehen der Firma Carl Zeiss Jena. Seid keine Saboteure der deutschen Wirtschaft. Reiht Euch mit in die Reihen des zivilen Ungehorsams ein!"{66}
Das 100jährige Bestehen des Zeiss-Werkes sollte ursprünglich in einer angemessenen Form begangen werden. Aber unter den gegebenen Umständen war es der Geschäftsleitung nicht möglich, ihr Vorhaben zu realisieren. Am 17. November 1946 gedachten die Geschäftsleiter und Vertreter des Betriebsrates am Grab von Carl Zeiß des besonderen Tages in der Geschichte des Unternehmens, und Friedrich Schomerus trug in seiner Wohnung einem kleinen Kreis von Zeissianem die Rede vor, die er aus diesem Anlaß für die Festversammlung im Volkshaus verfaßt hatte.
Das Demontagegut wurde zwischen Mitte November 1946 und Juni 1947 auf 7.232 Waggons verladen und in 155 Eisenbahnzügen in die UdSSR gebracht. Es bestand aus 13.693 technischen Ausrüstungen, darunter 2.140 optische Spezialmaschinen, 2.218 Drehmaschinen, 1.197 Bohr- und 980 Fräsmaschinen sowie aus 84.516 t Material, darunter Laborausrüstungen und technische Dokumentationen, Halbfabrikate, Buntmetalle, Büromaterial, Sanitäranlagen.{67}
{64] Reinhard Bernst: Zur Geschichte des Werkstofflabors der Firma Carl Zeiss. In: Jenaer Jahrbuch zur Technik- und Industriegeschichte 2002. Verein für Technikgeschichte in Jena e.V., Jena 2002, S. 135.
{65} BACZ Nr. 14985 (Bericht des Betriebsrates vom 15. November 1946).
{66}BACZ Nr. 27200 Betriebsratstagebuch (Eintragung vom 19. November 1946); Mühlfriedel/Hellmuth: Das Tagebuch des Betriebsrates, S. 201.
{67} Uhl: Das Ministerium für Bewaffnung, S. 130-131.
Die Sowjetische Verwaltung des Zeiss-Werkes [Seite 43]
Über den Nutzen der Zeiss-Ausrüstung und der Deportierten für die sowjetische feinmechanisch-optische Industrie
Die Verwendung der Ausrüstungen
Der Minister für Bewaffnung konnte seine Absicht, das Zeiss-Werk an einem Standort in der UdSSR wiederaufzubauen - wie es bei anderen demontierten Objekten in seinem Ministeriumsbereich möglich war - nicht realisieren, weil ihm der Ministerrat dafür kein Sonderprogramm zugebilligt hatte. Und weil ihm für ein solches Vorhaben nicht die nötigen finanziellen Mittel, Materialien und Arbeitskräfte zur Verfügung standen, mußte Dmitri Ustinow eine andere Lösung finden. Am 16. Juni 1946 erließ er den geheimen Befehl Nr. 188, der alle Maßnahmen für die Verwendung des Demontagegutes und die Unterbringung der Deportierten aus Jena enthielt. Der Befehl sah vor, die demontierten Maschinen und Einrichtungen auf 14 feinmechanisch-optische Betriebe zu verteilen. Lediglich die Ausrüstung aus dem Jenaer Glaswerk wurde komplett dem Werk Nr. 233 in Lytkarino in der Nähe von Moskau zugewiesen. Für die Deportierten waren Arbeitsplätze in acht Betrieben vorgesehen.
Die vorbereitenden Arbeiten für die Aufnahme des Demontagegutes erfolgten nicht in dem vorgesehenen Tempo, so daß im Dezember 1946 überhaupt erst drei feinmechanisch-optische Betriebe in der Lage waren, den zugewiesenen Maschinenpark aufzunehmen und sachgemäß zu lagern. Die anderen Betriebe benötigten bis zum Sommer 1947, um wenigstens 50 Prozent der Maschinen und Einrichtungen zu nutzen. Die Leningrader Werke Nr. 349 und 357 sahen sich außer Stande die Maschinen zu übernehmen und zu lagern. Den größten Teil des Demontagegutes erhielten die Werke Nr. 233 in Lytkarino, Nr. 393 in Krasnogorsk, Nr. 784 in Kiew, Nr. 349 in Leningrad, Nr. 589 in Moskau und Nr. 355 in Zagorsk. Der Minister für Bewaffnung mußte wegen Geld-, Material- und Arbeitskräftemangel hinnehmen, daß sich die Inbetriebnahme der Ausrüstungen immer wieder verzögerte. Die Reihenfolge der Montagen wurde von militärischen Interessen bestimmt. Nach den Plänen des Ministeriums für Bewaffnung war vorgesehen, bis Ende 1947 die Fertigung von Entfernungsmessern im Werk Nr. 69 in Nowosibirsk und von Bombenzielgeräten im Werk Nr. 589 in Moskau aufzunehmen. Dagegen sah man zu diesem Zeitpunkt die Betriebsbereitschaft der Ausrüstungen für zivile Erzeugnisse nur noch zu 20 bis 40 Prozent vor. Bis Anfang der fünfziger Jahre war es schließlich gelungen, die Produktion in verschiedenen zivilen Fertigungsgruppen aufzunehmen. Dazu gehörten Mikroskope, Geräte zur Spektralanalyse, Refraktometer, geodätische Geräte, Photoapparate sowie photometrische Geräte. Die Herstellung von Brillen, Ferngläsern, Zielfernrohren, medizinischen oder astronomischen Geräten kam nur in einem begrenzten Umfang oder überhaupt nicht in Gang.{68}
{68} Uhl: Das Ministerium für Bewaffnung, S. 125.
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Der Einsatz der Zeissianer
Die deportierten Zeiss-Fachkräfte erhielten in Gruppen unterschiedlicher Größe ihren Arbeitsplatz in verschiedenen Werken zugewiesen.{69} Die größte Gruppe von 117 Personen, unter ihnen vier Saalfelder, kam in das Werk Nr. 393 in Krasnogorsk. Es waren Facharbeiter aus Spezialwerkstätten wie der Endmaßfertigung, der Zahnradwerkstatt und der Lehrenfertigung sowie aus verschiedenen Bereichen der Optikfertigung, insbesondere Fachkräfte für die Photolinsen- und Photoobjektivfertigung. Unter den Optikfachleuten befanden sich auch Mitarbeiter, die die Technologie zur Herstellung des T-Belages{70} beherrschten. Ferner waren in Krasnogorsk Montagearbeiter für Konstruktionsmusterbau und Bildmeßgeräte, Techniker, Ingenieure und Konstrukteure aus allen Konstruktionsbereichen - ausgenommen aus dem Konstruktionsbüro für astronomische Geräte - tätig. Wissenschaftler aus dem Zellen-, Kristall- und Elektro-Labor, dem Reproduktionslabor und dem Zentralen Prüflabor hatte man ebenfalls dem Krasnogorsker Werk zugewiesen. Zu ihnen gehörten die Physiker Dr. Paul Gänswein, Dr. Alfred Krohs und Dr. Paul Görlich aus dem Zellenlabor, der Leiter des Reproduktionslabors Dr. Karl Gundlach, die Wissenschaftler Dr. Harald Straubel aus dem Kristall-Labor, der bekannte Entwickler für Astro-Optik, Dr. August Sonnefeld, und Dr. Robert Tiedecken, der Fachmann auf dem Gebiet der Berechnung von Photoobjektiven, sowie der Betriebsleiter des Optikbetriebes, Oskar Ballmeier.
76 Zeissianer wurden in Leningrad vorzugsweise in den Betrieben der Leningrader Opto-Mechanischen Vereinigung (LOMO) eingesetzt!{71} Unter ihnen befanden sich vor allem Konstrukteure und Mechaniker aus der Entwicklung und Fertigung astronomischer Geräte, aber auch aus den Bereichen Feinmeßgeräte, Analysenmeßgeräte, Mikroskope und Ferm'ohrbau sowie Konstrukteure aus dem Bereich Kino, Projektion und Planetarien. Zur Leningrader Gruppe gehörten auch Professor Dr. Friedrich Hauser aus dem Mikrolabor und Dr. Konrad Kühne aus dem Quarzlabor. In Podolsk hatte das Ministerium für Bewaffnung zwei Kon-
strukteure aus dem Bereich „Feinmess, Geo, Ferngläser und medizinische Instrumente" eingesetzt. Sokolniki wurde die vorübergehende Arbeitsstätte für drei Konstrukteure aus dem Bereich Elektrik und zwei Mechaniker aus der Versuchsmusterfertigung. Die Gruppe im Werk Nr. 569 in Sagorsk umfaßte 13 Fachkräfte aus der Konstruktion und Produktion von ophthalmologischen und medizinischen Geräten sowie von Feldstechern. Im Werk Nr. 589 in Moskau waren 19 Zeissianer tätig. Sie kamen zum überwiegenden Teil aus dem Konstruktionsbüro
{69} Die folgenden Angaben wurden nach den in BACZ Nr. 6730 und 23736 enthaltenen Listen zusammengestellt.
{70} Durch den T-Belag kommt es zu Reflexionsminderung der Oberflächen von optischen Bauelementen durch die Interferenz des Lichtes an dünnen Schichten. Mit der Entspiegelung erreicht man eine höhere Transparenz der optischen Systeme und eine Verminderung von Streulicht. Der T-Belag wurde zu dieser Zeit vornehmlich auf die optischen Systeme von Fernrohren aufgebracht.
{71} LOMO war ein Zusammenschluß mehrerer Betriebe mit annähernd gleichem Produktionsprofil wie das Zeiss-Werk. Im Rahmen des RGW arbeitete der VEB Carl Zeiss Jena mit LOMO zusammen.
Die Sowjetische Verwaltung des Zeiss-Werkes [Seite 45]
"Elektrik", in dem während des Zweiten Weltkrieges auch Zieleinrichtungen konstruiert worden waren. Zu dieser Gruppe gehörten die beiden Wissenschaftler Dr. Wilhelm Kämmerer und Dr. Herbert Kortum. In diesem Werk wurden Bombenzielgeräte entwickelt und gefertigt.{72}
Das Werk Nr. 784 in Kiew war auf den Bau von Werkzeugmaschinen und geodätischen Geräten spezialisiert. Das war wohl auch der Grund, weshalb elf Konstrukteure aus dem Konstruktionsbüro für Werkzeuge, Maschinen, Justier- und Prüfmittel, fünf Mitarbeiter aus dem Maschinenbau, dazu Werkmeister und Arbeiter der Stanzerei, Druckgießerei, Teilerei und Konstrukteure und Produktionsarbeiter des Vermessungsgerätebaus hier ihren neuen Arbeitsplatz fanden. Zur Kiewer Gruppe gehörte auch Dr. Herbert Schorch, der stellvertretende Betriebsleiter des Gerätebetriebes, in dem die Vermessungsgeräte produziert wurden. In diesem Werk arbeiteten insgesamt 45 Zeissianer.{73}
Die Zeiss-Belegschaft erfuhr erst nach und nach durch die Briefe ihrer deportierten Kollegen, wo sie in der UdSSR zum Einsatz gekommen waren. Friedrich Schomerus, der für die Personalangelegenheiten zuständige Geschäftsleiter, suchte den Kontakt zu den einzelnen Gruppen.{74} Auf diese Weise gewann die Geschäftsleitung ein Bild von den verschiedenen Aufenthaltsorten ihrer Mitarbeiter und über deren Lage. In den Jahren 1946 bis 1949 berichtete Friedrich Schomerus über den Wiederaufbau des Zeiss-Werkes, und Mitglieder aus den einzelnen Gruppen schilderten ihre Eindrücke. Dieser Informationsaustausch wurde natürlich vom sowjetischen Sicherheitsdienst überwacht und ausgwertet. Matthias Uhl fand in den vom ihm ausgewerteten Archivalien auch einen Vorgang, in dem der Chef des sowjetischen Staatssicherheitsdienstes, Abakumow, am 18. August 1947 an Berija über Äußerungen eines Optikfachmannes informierte, der im Leningrader Werk Nr. 349 arbeitete und sich darüber beklagte, daß die Ausrüstungen, die nach Leningrad gebracht worden waren, „vergammeln"." Die Briefpartner wußten bald, daß ihre Post der sowjetischen Zensur unterlag. Sie überlegten sich darum wohl sehr gut, was sie dem Papier anvertrauen konnten und was nicht, so daß die Informationen in den Briefen der Deportierten nur einen Teil der Wirklichkeit wiedergeben.
Die Situation war für die einzelnen Gruppen an den jeweiligen Arbeitsorten sehr unterschiedlich. In den Briefen aus den ersten Monaten spiegelten sich die außerordentlichen Schwierigkeiten wider, die in den sowjetischen Werken bestanden, um das Demontagegut aufzunehmen, zu nutzen und die Zeissianer einzusetzen. Georg Günzerodt teilte im November 1946 in seinem ersten Brief aus Leningrad mit, daß ihm und den anderen seiner Gruppe bisher noch keine
{72} Uhl: Das Ministerium für Bewaffnung, Anhang, S. 141-145.
{73} Einsatzorte und Berufe zusammengestellt nach den Listen BACZ Nr. 6730 und den Listen der Rückkehrer in BACZ Nr. 23736.
{74} BACZ Nr. 8244 (Briefwechsel zwischen Dr. Friedrich Schomerus und den in die Sowjetunion deportierten Zeissianern, 1946-1949). Nach dem Ausscheiden von Friedrich Schomerus aus dem Zeisswerk im Februar 1949 ist kein weiterer Briefwechsel überliefert.
{75} Uhl, Das Ministerium für Bewaffnung der UdSSR, S. 133.
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Arbeitsaufgaben zugewiesen wurden.{76} Karl Gundlach berichtete aus Krasnogorsk, daß man sie erst Anfang Dezember 1946 auf ihren Fachgebieten eingesetzt habe.{77} Oskar Bihlmeier schreibt im März 1947 an Dr. Ernst Wandersleb: "Was ich in Rußland soll, weiß ich noch nicht, manchmal scheint es mir, als ob ich auf Eis gelegt werden sollte"{78} Um die Wartezeit zu nutzen, begann er, sich mit russischer Fachliteratur zu befassen. Da er kaum das Russische lesen konnte, orientierte er sich in einigen Büchern anhand der Abbildungen. Er erbat Informationen von Ernst Wandersleb, um sich dann in den Büchereien Moskaus nach deutscher und englischer Fachliteratur umzusehen. Fritz Winter, Werkmeister der Abteilung asphärische Optik, schildert in seinem Erinnerungsbericht aus dem Jahre 1955 als einziger zur damaligen Zeit, wie sich sein Einsatz im Werk in Krasnogorsk vollzog:
"Im Okt. 1946 kam ich dann als Spezialist mit der 100 % ausgeräumten Abteilung nach Rußland, ich war damals 60 1/2 Jahre alt. Dort machte ich nun den 4. Aufbau meiner asphärischen Abteilung, ich war allein ohne jede deutsche Hilfe. Aber das muß ich sagen, von russischer Seite habe ich jede Hilfe bekommen, und habe dort den Aufbau auch zur Fabrikation gebracht. Es war sehr schwer für mich, geeignete Mädchen anzulernen (Männer versagten vollständig). Von genau 38 Mädchen, die nacheinander kamen, schälten sich dann 5 Mädchen als gut heraus, und das waren Mädchen von technischen Schulen, von diesen 5 sprach gerade eine
leidlich deutsch. Einen Meister anzulernen, ist mir erst das letzte Jahr gelungen.
Meine Chefin war eine Technologin und war tätig im russischen OBB. Dieselbe hatte die asphärische Produktion und was so drum und dran hängt, sehr schnell begriffen, sprach auch sehr gut deutsch, und hat mir dadurch die Arbeit erleichtert. Es wurden viele Versuche mit russischen Rechnungen gemacht, als daVertrauen zu den Maschinen erst einmal da war, kamen Rechnungen über Rechnungen über asphärische Flächen, die auch alle gut ausgefallen sind. Rückschläge sind eigentlich nur entstanden durch Fehlrechnungen.
Wir lieferten im Durchschnitt 1.200-1.500 Linsen im Monat, es liefen ja nicht immer 4 Maschinen. In der letzten Zeit unseres Aufenthaltes in Rußland bekam ich einen Auftrag über 12 genaue Kondensoren,{79} ich sagte zum großen Chef, das sieht aber aus wie Objektive. Das wurde mir aber bestritten, denn ich war abgeneigt, Objektive herzustellen. Von den 12 Stück waren 10 gut und entsprachen genau der Rechnung.
Nach einiger Zeit war große Aufregung, es wurde mir vorgelesen, daß die Linsen sehr gut wären, und am Schluß des Briefes wurden 6.000 Stück bestellt. Es handelte sich hier um Objektive für Kinoaufnahmegeräte. Also doch Objektive, was mir dann auch lachend bestätigt wurde. Das war kurz vor unserer Abreise von Rußland, die Abreise wurde von meinen russ. Vorgesetzten bedauert. Es wurde mir auch gesagt, daß [unterstrichen]ich, mein Kollege Bernd und Dipl.-Ing. Reindel [/unterstrichen]
{76} BACZ Nr. 8244 (Brief von Georg Günzerodt an Friedrich Schomerus vom 19. November 1946).
{77} BACZ Nr. 8244 (Brief von Karl Gundlach an Friedrich Schomerus vom 2. Februar 1947).
{78} BACZ Nr. 14944 (Brief von Otto Bihlmeier an Ernst Wandersieb vom 9. März 1947).
{79} Kondensoren sind optische Linsen.
Die Sowjetische Verwaltung des Zeiss-Werkes [Seite 47]
(gemeint sind vermutlich Walter Bernst und Rudolf Reindl d. V.) einen Vertrag über 2 Jahre mit sehr günstigen Bedingungen für uns erhalten sollten. Ich lehnte ab, ich war inzwischen 66 Jahre geworden, meine Frau war krank, wir wollten nach Hause, wo meine Frau auch nach 2 Monaten verstorben ist. Zu erwähnen wäre noch kurz, daß ich als [unterstrichen] einziger [/unterstrichen] Spezialist ... für meine guten Leistungen von der russischen Betriebsleitung sowie den russischen Kollegen ein sehr wertvolles Abschiedsgeschenk und später noch einen sehr netten Brief erhalten habe,"{80}
Auch Franz Peter aus Issjum berichtete, daß die russischen Mitarbeiter und die Bevölkerung sehr hilfreich und freundlich seien - „nur die Unkenntnis der Sprache wirkt erschwerend in jeder Beziehung".{81} Aber nicht jeder Zeissianer stieß auf eine freundliche Aufnahme. Herbert Kortum empfand, daß die Umgebung gegenüber den Deutschen recht unfreundlich eingestellt war - „nicht verwunderlich nach dem Krieg".{82} Auch Karl Gundlach stellt in einem Brief fest:
„Man hat nicht das Gefühl, daß unsere Arbeit und unsere Bemühungen, die wir uns redlich geben, auf einen für beide Teile fruchtbaren Boden fallen. Woran das liegt, ist schwer zu sagen. Die Sprachschwierigkeiten und Verschiedenheit in der Art der Arbeitsauffassung spielen dabei wohl eine gewisse Rolle".{83}
Die Wissenschaftler und Konstrukteure aus Jena wurden in Arbeitsgruppen eingesetzt und blieben zumeist unter sich. Ein sowjetischer Verbindungsmann hielt den Kontakt zur Betriebsleitung. Dagegen waren die in der Fertigung tätigen Zeissianer in die Abteilungen oder sogar in Brigaden des sowjetischen Betriebes
[Bild 5]
[Text des Bildes]
AN HERRN Anschütz, G., Lehrling
Es wird Ihnen mitgetellt,dass laut Anordnung der Sowjetregierung
Ihnen tür Ihre Leistungen ein Monatsgehalt in Summe von 300 Rbl.
festgesetzt ist.
Es wird Ihnen gestattet allmonatlich Pakete im Gewicht bist 8 Klg
nach Deutschland zu schicken ,und aus Deutschland zu erhalten, 50% Ihres
Monatsgehaltes in deutscher Mark nach Deutschland zu übersenden.
S[A]usserdem wird es Ihnen erlaubt einmalig deutsche Marken in Sowiet-
geld in Summe von 3000 Rb. einzutauschen.
DIREKTION
31/111-46.
[Ende des Textes]
Abb. 5 Verdienstbescheinigung für den Lehrling Horst Anschütz, Werk „Progress" Leningrad
integriert, da sie zum großen Teil Anleitungs- und Anlernaufgaben erfüllten. Horst Anschütz, Jahrgang 1932, der mit seinen Eltern nach Leningrad kam, berichtet, daß er dort nach Beendigung der Schule eine Lehre begann. Er war im
{88} BACZ Nr. 18815 (Erinnerungsbericht von Fritz Winter vom 13. Juli 1955).
{81} BACZ Nr. 8244 (Brief von Franz Peter an Friedrich Schomerus vom 28. März 1948).
{82} BACZ Nr. 8244 (Brief von Herbert Kortum an Friedrich Schomerus vom 26. Januar 1948).
{83} BACZ Nr. 8244 (Brief von Karl Gundlach an Friedrich Schomerus vom 26. März 1948).
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Werk „Progress" zuerst in einer Frauenbrigade tätig. Die Frauen hätten ihn betreut, „wie ihr eigenes Kind". Er mußte im Betrieb alles machen, lernte viel. Der Nachteil dieser „Lehre" war - er erhielt kein Zeugnis oder Abschlußzertifikat.
Über die Lebensbedingungen der Deportierten und ihren Familien
Die Informationen, die in Jena über die Lebensumstände der Deportierten und ihren Familien eintrafen, waren nach dem Aufenthaltsort und der Jahreszeit sehr unterschiedlich. Karl Gundlach war angenehm überrascht, in einem Erholungsheim, „ein früheres Jagdschlößchen eines russischen Grafen", unterzukommen und dort hübsche Zimmer, einen Speisesaal mit anschließenden Versammlungs- und Musikzimmer, Warmwasserheizung und fließendes Wasser sowie elektrische Beleuchtung vorzufinden.{84} Georg Günzerodt meldet bereits in seinem ersten Brief: „Leningrad hat angenehm enttäuscht. Es gibt keine größeren Zerstörungen, zumindest im Zentrum."{85} Auch Friedrich Hauser war von der Stadt Leningrad und ihrer Umgebung sehr angetan.{86} In Issjum wohnte die kleine Zeissianer-Gruppe in einem Trakt eines Häuserblocks mit Warmwasserheizung, Brausebad und Wasserklosett, zehn Minuten vom Werk entfernt.{87} Die große Gruppe in Krasnogorsk hatte man an verschiedenen Orten in der Umgebung der Stadt einquartiert. Georg Günzerodt beklagte für Leningrad, daß eine größere Zahl von Mitarbeitern und ihren Familien „in einer Siedlung in beträchtlicher Entfernung von hier untergebracht" war.{88} Tatsächlich war der größere Teil der
„Leningrader Zeissianer" im ersten Jahr in einem Schlößchen im Westteil der Stadt nahe dem Finnischen Meerbusen untergebracht, während weit davon entfernt am östlichen Stadtrand die Siedlung entstand, in der schon ein kleinerer Teil der Zeissianer Unterkunft gefunden hatte, und die noch weiter ausgebaut wurde. Nach Fertigstellung der Häuser zogen auch die „Schloßbewohner" dorthin um. Die Fabriken lagen im Süd-Osten der Stadt.{89}
In den Wintermonaten, besonders im Winter 1946/47, litten die Deportierten und ihre Familien unter dem kalten Kontinentalklima. Die Leningrader beklagten das windige und feuchte Seeklima.{90} Die Kamine in den Häusern, die vom
Flur aus beheizt wurden, boten nicht viel Wärme. Die deutschen Kriegsgefangenen, die die Häuser errichteten, halfen mit dem Bau von Öfen.
{84} BACZ Nr. 8244 (Brief von Karl Gundlach an Schomerus vom 2. Februar1947).
{85} BACZ Nr. 8244 (Brief von Georg Günzerodt an Friedrich Schomerus vom 19. November 1946).
{88} BACZ Nr. 18805 (Erinnerungsbericht von Prof. Friedrich Hauser über seine Arbeit im Zeiss-Werk).
{87} BACZ Nr. 8244 (Brief von Werkmeister Franz Peter aus Issjum an Friedrich Schomerus vom 28. März 1948).
{88} BACZ Nr. 8244 (Brief von Georg Günzerodt an Friedrich Schomerus vom 19. November 1946).
{89} Nach Aussagen von Otto Straube, Gisela und Horst Anschütz, die als Kinder und Jugendliche mit ihren Eltern in Leningrad waren.
{90} BACZ Nr: 8244 (Brief von Georg Günzerodt an Friedrich Schomerus vom 27. März 1948).
Die Sowjetische Verwaltung des Zeiss-Werkes [Seite 49]
Die Ernährungsumstellung bereitete den Jenaern erhebliche Probleme. Die Frau des Schlossers Walter Süss, der in Kiew eingesetzt war, vermißte vor allem Obst und Gemüse. Nur das arbeitende Familienmitglied bekam Kartoffelzuteilung - ein Pfund am Tage. „Könnt Ihr Euch vorstellen einen Haushalt ohne dies?", schrieb sie an eine befreundete Familie in Jena.{91}
Manchem bereitete die einseitige Ernährung gesundheitliche Probleme. Einige Briefschreiber zeigten sich aber mit der Lebensmittelversorgung zufrieden, sie sei gut und ausreichend, jedenfalls besser als in der Heimat. Dabei waren die
Alleinstehenden im Vorteil, besonders gegenüber großen Familien und gering bezahlten Arbeitern{92}, die „sich mit ihren zum Teil zahlreichen Familienmitgliedern nur notdürftig durchschlagen und zum Teil direkt in Not geraten sind.{93} Durch „Eßgemeinschaften" konnte mancher Mangel gelindert werden: Die Frauen kochten für Alleinstehende mit, und diese gaben von ihrer Zuteilung, was wiederum der Familie zugute kam.
[Bild 6]
Abb. 6 Sportfest der Zeissianer in Leningrad. Wohnhäuser der Zeiss-Spezialisten im Hintergrund. 1. August 1948
Ein Problem war auch der Schulunterricht für die Kinder. In Leningrad war erst ab Frühjahr 1948 regulärer Schulunterricht bis zur 8. Klasse möglich. Gisela
{91} BACZ Nr. 14944 (Brief der Frau Süss vom 8. April 1947 an eine bekannte Familie in Jena).
{92} Nach Aussage von Gisela und Horst Anschütz hatten die Zeissianer wohl ein Mitspracherecht um die Höhe des Verdienstes. Es wurden die Arbeitsjahre im. Zeisswerk berücksichtigt.
{93} Siehe BACZ Nr. 8244 (Brief von Karl Gundlach an Friedrich Schomerus vom 2. Februar 1947).
[Seite 50] 1945-1948 Carl Zeiss Jena
Anschütz berichtete, daß vorher einige Eltern den Unterricht übernahmen und in der Unterstufe Lesen, Schreiben, Rechnen und Heimatkunde lehrten. Ähnliches wird auch aus den anderen Orten berichtet.
Die Freizeit verbrachten die Zeissianer meist miteinander. Sie gestalteten gemeinsame Weihnachts- und Osterfeiern und Konzerte. Im April 1948 berichtete Robert Tiedecken aus Krasnogorsk, daß sie im Februar eine Faschingsveranstaltung, im März einen Tanzabend oder einen Kulturabend mit klassischer Musik und Dichtung organisiert, zu Ostern eine Lesung des ersten Teiles von Goethes „Faust" veranstaltet hatten.{94} Die „Moskauer", „Krasnogorsker" und „Leningrader" konnten, wenn auch nur in bescheidenem Umfang, Theateraufführungen und Konzerte in Moskau und Leningrad besuchen. Die in Leningrad lebenden Zeiss-Mitarbeiter unternahmen in den Sommermonaten Ausflüge in die städtische Umgebung.{95} Mit anderen in Leningrad lebenden deutschen Fachkräften wurden Sportwettkämpfe ausgetragen. Im ersten Jahr konnten sich die Zeissianer in Leningrad frei bewegen. Später mußten sie sich abmelden, wenn sie die Wohnsiedlung auf mehr als 1 km Entfernung verlassen wollten und bekamen eine einheimische Begleiterin.{96}
Unter den Deportierten befanden sich auch ältere Mitarbeiter, denen es besonders schwer fiel, sich in die neuen Verhältnisse einzugewöhnen. Deshalb fragte Karl Gundlach, der inzwischen das 69. Lebensjahr erreicht hatte, immer wieder bei Friedrich Schomerus an, ob es der Geschäftsleitung nicht möglich sei, bei den zuständigen Stellen eine Verkürzung der Aufenthaltsdauer der Ältesten zu erwirken. Mit Bedauern mußte Friedrich Schomerus mitteilen, daß der Geschäftsleitung eine solche Einflußmöglichkeit fehlt.{97}
Die Ungewißheit über ihr weiteres Schicksal war für viele Zeissianer eine starke seelische Belastung, die sie nur allmählich überwanden, denn sie hatten nicht nur Unklarheit über die Dauer ihres Aufenthaltes in diesem fernen Land und über das Wohlergehen ihrer Angehörigen in Jena, sie sorgten sich auch um das Schicksal des Jenaer Werkes. Friedrich Schomerus konnte Ende 1947 und 1948 mit Freude vom begonnenen Wiederaufbau berichten.{98} Eine große Rolle spielte für die Zeissianer, die es in die UdSSR verschlagen hatte, auch die Sorge, welchen Arbeitsplatz sie nach Rückkehr - wann immer das auch sein würde - erhalten werden. Deshalb schreibt ihnen Friedrich Schomerus zum Jahreswechsel 1948/1949:
„Zunächst möchten wir auch Ihnen ... sagen, daß Sie alle bei Ihrer Rückkehr wieder bei uns Aufnahme finden werden. Wir werden uns sehr freuen, wenn Sie
{94} BACZ Nr. 8244 (Brief von Robert Tiedecken an Friedrich Schomerus vom 6. April 1948).
{95} BACZ Nr. 18805 (Erinnerungsbericht von Prof. Friedrich Hauser über seine Arbeit im Zeiss-Werk).
{98} Nach Erzählung von Gisela Anschütz.
{97} BACZ Nr. 8244 (Brief von Friedrich Schomerus an Karl Gundlach vom 17. April 1947).
{98} BACZ Nr. 8244 (ähnlich lautende Schreiben von Friedrich. Schomerus vom 11. Dezember 1947 an Georg Günzerodt, Leningrad; Wilhelm Hess, Kiew; Karl Gundlach, Krasnogorsk; Franz Peter, Issjum; Herbert Kortum, Moskau sowie Briefe vom Dezember 1948 an Franz Peter, Herbert Kortum, Wilhelm Hess, Georg Günzerodt).
Die Sowjetische Verwaltung des Zeiss-Werkes [Seite 51]
alle recht bald zu uns zurückkehren, und erwarten durch Ihre dort gewonnenen Erfahrungen auf technischem wie auf gesellschaftlichem Gebiet auch für uns reichen Gewinn!"{99}
Anfang 1951 entschied man im Ministerium für Bewaffnung, daß die Zeissianer in absehbarer Zeit in die Heimat zurückkehren dürfen. 13 Zeiss-Werksangehörige verstarben während ihres außergewöhnlichen Arbeitseinsatzes in der UdSSR.
Zu den Resultaten der Demontage und des Arbeitseinsatzes der Deportierten
Betrachtet man die Resultate der Demontage und des Arbeitseinsatzes von Zeissianern in der UdSSR aus der Sicht des Ministers für Bewaffnung, dann haben sich letztlich die Erwartungen, die Ustinow 1945 hegte, nur zum Teil erfüllt. Es war nicht gelungen, mit Hilfe der überführten Ausrüstungen und der deportierten Fachkräfte ein neues Zentrum der feinmechanisch-optischen Industrie zu bilden, dessen Erzeugnisse der Sowjetunion auf dem internationalen Markt eine herausragende Position verschafften. Die durch die Demontage gewonnenen materiell-technischen Kapazitäten mußten dezentralisiert werden, ihre Verwendung war auch nicht in jedem Falle effektiv. Vor allem aber kam durch die Art und Weise wie die Demontage erfolgte, das innovative Wesen des Zeiss-Werkes und seiner Belegschaft nicht zum Tragen. Die für das Zeiss-Werk charakteristische unmittelbare Verbindung von Wissenschaft und Produktion fand ebensowenig die gebührende Beachtung wie die Herausbildung und Pflege eines feinnervigen Unternehmensorganismus. Die Zersplitterung der Produktionsbereiche und der Kräfte ließ das „Jenaer Klima", die Grundvoraussetzung für die Leistungsfähigkeit des Zeiss-Werkes, nicht aufkommen. Lediglich in den großen
Gruppen, die in Leningrad und Krasnogorsk tätig waren, gab es weitgehende Erfolge beim Aufbau der Anlagen und der Vermittlung der im Zeiss-Werk charakteristischen Zusammenarbeit zwischen Forschung, Entwicklung und Produktion. Den einheimischen Arbeitskräften fehlte das über Jahre erworbene und von Generation zu Generation weitergegebene fachliche Wissen und handwerkliche Können der Meister, Spezial- und Facharbeiter. Es hatte sich gezeigt, daß die technische Vorbildung der russischen und ukrainischen Arbeiter nicht ausreichte, um in kurzer Zeit die Arbeiten, die bei der Fertigung feinmechanisch-optischer Erzeugnisse anfallen, in qualitativer und quantitativer Hinsicht zu bewältigen.{100}
Dessen ungeachtet erhielt die feinmechanisch-optische Industrie der UdSSR moderne Produktionsanlagen und Technologien, die in den verschiedenen Produktionsstätten lange Zeit ihren Dienst taten. Jenaer Fachleuten, die in den fünfziger und sechziger Jahren diese Betriebe besuchten, wurden die noch funktionstüchtigen Maschinen und Einrichtungen mit lobenden Bemerkungen
{99} BACZ Nr. 8244 (Brief von Fr. Schomerus an Georg Günzerodt in Leningrad vom 16. Dezember 1948). Ähnlich lautende Schreiben gingen an die Briefpartner aller Gruppen.
{100} Uhl: Das Ministerium für Bewaffnung, S. 134-140.
[Seite 52] 1945-1948 Carl Zeiss Jena
vorgeführt. Die in die UdSSR verbrachten Zeissianer haben in verschiedenen Funktionen zur Modernisierung des Produktionsapparates und der Arbeitsorganisation sowie zur Heranbildung von Fachkräften in den einschlägigen Betrieben
beigetragen. Das Fachwissen der Jenaer Wissenschaftler und Ingenieure wurde vor allem bei der Lösung militärtechnischer Probleme in Anspruch genommen. Nach dem Weggang der Zeissianer unterblieb auf dem zivilen Sektor vielfach die Weiterentwicklung der optischen Präzisionsgeräte, so daß die alten Zeiss-Konstruktionen noch lange Zeit angeboten wurden.{101}
Ustinow blieb es auch versagt, das Vorhaben, das Jenaer Zeiss-Werk zu liquidieren, zu realisieren. Dem stand nicht nur das Interesse anderer sowjetischer Dienststellen an Reparationslieferungen und der Aufbauwille der Zeiss-Belegschaft entgegen, sondern auch und vor allem der Kurswechsel, den die Führung der KPdSU und die Sowjetregierung 1947 in der Deutschlandpolitik vollzogen. Der nun verfolgte Kurs zielte auf eine allmähliche Gesundung der Wirtschaft in der sowjetischen Besatzungszone.
Der Demontageschaden für das Zeiss-Werk
Obgleich es nicht zur völligen Liquidierung der Stiftungsunternehmen kam, erlitten beide Unternehmen durch die Demontage und die Deportation von Fachleuten erhebliche Verluste, von denen sie sich erst im Laufe eines Jahrzehnts erholen konnten. Das trug wesentlich dazu bei, daß das Zeiss-Werk die ohnehin durch den Zweiten Weltkrieg geschwächte Führungsposition im optischen Präzisionsgerätebau weitgehend verlor und nur auf ausgewählten Gebieten halten oder zurückgewinnen konnte.
Mitte März 1947 wurde die Demontage beendet. Zwischen dem 12. und 14. März 1947 händigten der Mitarbeiter des Ministeriums für Bewaffnung der UdSSR und ein Offizier der Trophäenbrigade Hugo Schrade die Übergabedokumente für die Jenaer Werksteile aus, in denen der Zustand dieser Werksteile beschrieben wurde. Im Dokument über das Hauptwerk ist zur Übergabe vermerkt:
"1.) Die Fertigungsfläche des Hauptwerkes CZ mit einer Fläche von 127.000 qm (einschließlich Garagen), wobei auf 22.500 qm sanitäre und Elektroeinrichtungen nicht demontiert sind, die den 6% zugehören, welche dem Werk entsprechend dem Befehl des Hauptkommandierenden, des Marschalls der Sowjet-Union Sokolowski, verblieben sind."{102}
Anfang Dezember 1946 hatte die Geschäftsleitung erstmals die Verluste zusammengestellt, die dem Zeiss-Unternehmen in Jena durch die Demontage entstanden waren. Eine endgültige Schadensermittlung war noch nicht möglich, weil sich die zu Beginn der Demontage angelegten Inventarlisten in der Hand der sowjetischen Werkskommission befanden. Der Bitte der Geschäftsleitung an die [...Seite 53 fehlt]
{101} Aus den Erfahrungen Otto Straubes im Laufe der späteren Zusammenarbeit.
{102} BACZ Nr. 1784 (übergabeprotokoll Hauptwerk vom 13. März 1947).
[Seite 53 fehlt]
[Seite 54]
DRITTES KAPITEL
Der Wiederaufbau des Zeiss-Werkes in Jena und die Herausbildung der ZEISS-OPTON GmbH in Oberkochen
Der beginnende Wiederaufbau in Jena
Nachdem bekannt war, daß nach Abschluß der Demontage die Fertigung in einem begrenzten Umfang wieder aufgenommen werden kann, hatte Victor Sandmann am 26. November 1946 Unterlagen zur künftigen Produktions-, Finanz- und Vertriebsplanung vorgelegt, die, vom 1. Januar 1947 ausgehend, die einzelnen Schritte für den Wiederaufbau des Zeiss-Werkes bis 1948 vorzeichneten. Der Geschäftsleiter nannte als vordringliche Aufgaben für 1947 die Berei-nigung des Anlagensektors, die Vorratswirtschaft und die Vorfabrikation und fügte hinzu: „Grundsätzlich soll die Fertigung auf breiter Basis in allen Zivilabteilungen erstrebt werden"{1} Von den Vertriebsabteilungen forderte er, für jeden Fertigungsbereich die Endziele vorzugeben. Die Bereiche sollten ihre Tätigkeit aufnehmen, sobald dafür die technischen Möglichkeiten bestehen. Der sich verzögernde Abschluß der Demontagen veranlaßte Victor Sandmann, seine Planungen den veränderten Gegebenheiten anzupassen.
Am 6. Februar 1947 rief Hugo Schrade die Betriebsleiter zusammen, um die ersten praktischen Schritte in die Wege zu leiten. Er wies die Wiederherstellung von Räumlichkeiten und das Zusammentragen der zurückgelassenen Maschinen und Einrichtungen an bestimmten Stellen der Gebäude an. „Nach Beendigung der Demontage werden sämtliche Räume gesäubert und verschlossen.Das Treppenhaus 14 ist als erstes wieder instand zu setzen (Türen, Fußböden, Abortanlagen)." Hugo Schrade verlangte, im Bau 29 die Stockwerke IV bis VI für die Wiederaufnahme der Fertigung vorzubereiten.{2}
[Bild 8]
Abb. 8 Geschäftsleiter Victor Sandmann
{1} BACZ Nr. 20837 (Material von Victor Sandmann über die Planung für 1947 vom 26. November 1946).
{2} BACZ Nr. 16146 (Niederschrift über die Betriebsleiterbesprechung vom 6. Februar 1947).
Der Wiederaufbau des Zeiss-Werkes in Jena [Seite 55]
Bei der Planung der Wiederaufbauarbeiten hatten die Ansprüche der Besatzungsmacht zunächst Priorität Das betraf sowohl das Contax-Programm als auch den SMAD-Optikauftrag vom Dezember 1946. Die SMAD achtete streng darauf, daß ihre Befehle eingehalten wurden. So überprüfte der SMAD-Mitarbeiter Chewaldin vom 20. bis 22. August 1947 das Zeiss-Werk. Er besichtigte alle Laboratorien, Werkstätten und Lager und erkundigte sich über die Belegung der Räumlichkeiten sowie über die Auftragsplanung. Karl Müller unterrichtete den SMA-Abgesandten über verschiedene technische und Materialschwierigkeiten,die hinsichtlich des Photo-Optik-Programms bestanden. So war zum Beispiel die Herstellung der Contax-Apparate in Verzug geraten, weil die Werkzeugmacherei noch mit der Anfertigung von Werkzeugen für diesen Auftrag befaßt war.{3}
Dessen ungeachtet hatten die Geschäftsleiter schon einen größeren Zeitraum im Blick. Anknüpfend an die Dispositionen von Ende November 1946 gab Victor Sandmann am 14. Februar 1947 Richtlinien für die Gestaltung des Fertigungsprogramms vor. Er beauftragte die Vertriebsabteilungsleitungen, in Abstimmung mit den Fertigungsleitungen das traditionelle zivile Zeiss-Programm wieder anzubieten. Dazu waren künftig herzustellende Geräte unter Beachtung ihrer Qualität so rasch wie möglich auszuwählen. Erst danach sollte die weitere Programmplanung erfolgen. Victor Sandmann forderte, daß vorerst einige Standardtypen aufgelegt werden und äußerte die Ansicht, daß 1947/48 eine Programmerweiterung vermieden werden muß. Die Abteilungen sollten mindestens ein charakteristisches Zeiss-Instrument auf den Markt bringen. Experimente mit Neuentwicklungen seien zu unterlassen. Lediglich Geräte mit geringfügigen Verbesserungen könnten angeboten werden. Er hob hervor: „Carl Zeiss muß zunächst mit Waren gleicher Art und Güte auf dem Markt erscheinen."{4} Ende Dezember 1948 erinnerte der Planungsleiter Erich Schreiber in einer Betriebsleitersitzung daran, daß die Geschäftsleitung nach der Demontage den Plan gefaßt habe, den Gesamtaufbau des Werkes bis 1951 durchzuführen. Die Belegschaft sollte in diesem Zeitraum auf 9.000 Wissenschaftler, Techniker, Arbeiter und Kaufleute anwachsen. Zugleich war vorgesehen, daß sich 1951 die produktiven Stunden auf ca. 700.000 Stunden pro Monat belaufen.
Dr. Hans Harting, der von Hugo Schrade im Sommer 1945 gebeten wurde, die Geschäfte der Wissenschaftlichen Hauptleitung in seinem Auftrag wahrzunehmen, leitete den Wiederaufbau der Laboratorien und entwarf gemeinsam mit den Laborleitern das wissenschaftliche Rekonstruktionsprogramm.
Vorerst konnte das Wiederaufbauprogramm nur in Absprache mit der Industrieabteilung der SMAD und dem Chef der SMA in Thüringen schrittweise realisiert werden. Bis in das Jahr 1948 hinein mußte die Geschäftsleitung für jedes Geschäftsfeld, das sie wieder bearbeiten wollte, die Genehmigung der SMAD einholen. Als im Februar 1948 die Aufträge für Rekonstruktionsarbeiten an Astro-Großgeräten aus Brasilien und Kanada eingingen, benötigte die
{3} BACZ Nr. 4732 (Überprüfung des Zeiss-Werks durch Herrn Chewaldin von der SMAD, Berlin-Karlshorst vom 20. bis 22. August 1947).
[Seite 56] 1945-1948 Carl Zeiss Jena
Geschäftsleitung dafür die Zustimmung der SMAD. Ebenso verhielt es sich bei Exportgeschäften.5 Ende 1947 unterlag das Zeiss-Werk noch immer der Kontrolle durch die Industrie-Verwaltung der SMAD.{6}
Erst im Mai 1948 erhielt Hugo Schrade im Laufe eines Gesprächs mit dem Chef der SMA in Thüringen auf die Frage, ob es für den Aufbau des Zeiss-Werkes eine Grenze gibt, von Kolesnitschenko die Antwort, „daß dem Wiederaufbau nach oben keine Grenzen gesetzt sind". „Zur Grundfrage erklärte General IC, so vermerkt die Gesprächsniederschrift, „daß auch solche Geräte in die Planung aufgenommen werden sollen, welche die Reparationsverwaltung nicht interessiert, dagegen für Export oder sonstigen Bedarf in Deutschland nötig erscheinen".{7} Bei einer späteren Begegnung mit dem Generalmajor erfuhr Hugo Schrade, daß die Geschäftsleitung bei der SMA keinerlei Genehmigungen mehr einzuholen braucht, wenn sie die Produktionsfläche des Unternehmens erweitern will. Der Grund für diese neue Haltung der sowjetischen Besatzungsmacht lag in der veränderten Politik der sowjetischen Regierung in Deutschland.Im Laufe des Jahres 1947 befaßten sich die Geschäftsleiter mehrfach mit der Organisationsstruktur des Zeiss-Werkes, die auf die Erfordernisse des Wiederaufbaus ausgerichtet werden mußte. Dabei ging es vor allem auch darum, die personellen Lücken zu schließen, die durch die Deportation der Fachleute in die UdSSR und durch die Folgen der Demontage vor allem in der Leitungshierarchie entstanden waren. Gleichzeitig waren die Facharbeiter nach ihren Arbeitserfahrungen und -fertigkeiten in den sich neu konstituierenden Betriebsabteilungen einzusetzen.
Im Februar 1948 bestand im Zeiss-Werk folgende Organisationsstruktur: Der Geschäftsleitung mit den Stabsabteilungen unterstanden die Wissenschaftliche Hauptleitung, Entwicklungshauptleitung, Betriebshauptleitung, Kaufmännische Hauptleitung, Vertriebshauptleitung und Personalhauptleitung. Daneben bildeten die Berufsschule und die Lehrlingswerkstätten eine eigene Struktureinheit. Zur neu gebildeten Betriebshauptleitung gehörten sieben Betriebsleitungen und das Ausbildungswesen.{8}
Am 13. März 1947 gab Hugo Schrade in der Betriebsleiterbesprechung das Ende der Demontage bekannt und stellte dazu fest: „Der Weg für den Wiederaufbau ist nun frei und es soll mit allen Kräften diese Aufgabe in Angriff genommen werden.{9}
Die Mitarbeiter der Forschungs- und Entwicklungsbereiche brachten gemeinsam mit den Betriebshandwerkern ihre Arbeitsräume wieder in Ordnung. Sie
{4} BACZ Nr. 4907 (Schreiben von Victor Sandmann. Betr.: Wiederaufbau des Werkes. Fertigungsprogramm).
{5} BACZ Nr. 6501 (Schriftwechsel mit Fa. Carl Zeiss - SMAD)
{6} BACZ Nr. 6501 (Schriftverkehr Fa. Carl Zeiss - SMAD-Industrieverwaltung vom 29/30 Dezember 1947).
{7} BACZ Nr. 26785 (alt) (Niederschrift über einen Besuch von Hugo Schrade bei Kolesnitschenko am 10. Mai 1948).
{8} Hellmuth: Die Entwicklung des VEB Carl Zeiss, Anlage 4.13-14.
{9} BACZ Nr. 16146 (Niederschrift über die Betriebsleiterbesprechung am 13. März 1947).
Der Wiederaufbau des Zeiss-Werkes in Jena [Seite 57]
begannen sowohl mit der Rekonstruktion der Unterlagen für die Meß- und Prüfeinrichtungen, die für die Wiederaufnahme der Forschungs- und Entwicklungsarbeiten unerläßlich waren, als auch mit den Arbeiten an den für den Verkauf vorgesehenen Erzeugnissen. Ebenso wurden Konstruktionsunterlagen für spezifische Maschinen und Einrichtungen geschaffen.
Auch wenn zunächst die Entwicklungsarbeiten im Vordergrund standen, die sich aus dem Sokolowski-Befehl ergaben, so bereiteten die Mitarbeiter der Forschungs- und Entwicklungshauptleitungen gleichzeitig das traditionelle Zeiss-Gerätesortiment für die Fertigung vor. Als ein Beispiel dafür kann das Mess-Labor genommen werden, das unter Leitung von Fritz Löwe stand und in dem
Horst Lucas, der 1947 nach Jena zurückgekehrt war, an maßgeblicher Stelle wirkte. Die Mitarbeiter dieses Laboratoriums begannen damit, das vollständige Programm an physikalisch-optischen Meßgeräten zu rekonstruieren.{10} Zugleich wurden der Abbe-Refraktometer, das Laborinterferometer und das Kreiselpolarimeter neu konstruiert Auf die Rekonstruktionsarbeiten in anderen Warengruppen wird im fünften Kapitel eingegangen.
Der zügige Wiederaufbau des Zeiss-Werkes wurde im Fertigungsbetrieb (FBL), den Rudolf Müller leitete, besonders deutlich. In diesem Betrieb arbeitete man 1947 vornehmlich noch am Contax-Programm, um die komplette Fabrikein-richtung für die Herstellung von Photo-Apparaten vom Typ Contax, einschließlich aller Werkzeuge, Vorrichtungen, Hilfsmittel, Zeichnungen und technischer Unterlagen, endgültig abzuschließen. Im Juni 1948 konnte die Fabrikeinrichtung in einem Gesamtwert von 7,4 Millionen RM abgerechnet werden.{11}
Sodann kam es darauf an, die materiell-technischen Voraussetzungen für die Fertigung der photo-optischen Systeme zu schaffen, die der Sokolowski-Befehl verlangte. Bis Juni 1947 konzentrierte man sich darauf, die Herstellung der Kleinbild-Objektive in
Gang zu setzen, im Sommer 1947 erfolgte dann die Produktionsaufnahme von Reproduktions-Objektiven, und ab
September 1947 begann die Fertigung der Kino-Projektions-Objektive. Am 25. November 1947 stellte die Abteilung das
zwanzigtausendste Objektiv fertig.{12}
[Bild 9]
Abb. 9 Kleinbildkamera Contax. Juni 1947
{10} Lothar Kramer: Fritz Löwe - Leben und Werk. In: Jenaer Jahrbuch zur Technik- und Industriegeschichte 1999, S. 53-54.
{11} BACZ Nr. 17140 (Wipo. Jahresbericht der Abteilung Vertrieb für optische Meßgeräte für das Geschäftsjahr; Jahresbericht der Abteilung Diverser Verkauf für das Geschäftsjahr 1947/48); Hellmuth: Die Entwicklung des VEB Carl Zeiss, S. 31.
{12} Schumann: Carl Zeiss. Einst und Jetzt, S. 636.
[Seite 58] 1945-1948 Carl Zeiss Jena
Diese Fortschritte wurden möglich, weil bis Ende 1948 die Produktionsfläche von 3.000 auf 10.200 m2 erweitert werden konnte und der Ausrüstungspark von 120 auf 420 Maschinen anwuchs, wovon allerdings noch immer 45 Maschinen überholungsbedürftig waren. Die Belegschaft des FBL, die unmittelbar nach der Demontage nur noch 400 Arbeiter und Angestellte zählte, belief sich Ende 1948 bereits auf 1.288 Personen. Rudolf Müller sorgte vor allem dafür, daß in den Werkstätten - ungeachtet aller Schwierigkeiten - die technologischen Prozesse modern gestaltet wurden. Es gelang bis Ende 1948 nicht, die vorgesehenen
Umkleideräume und Waschanlagen einzurichten.{13}
Die Brillenfertigung, die im Frühjahr 1947 wieder begann, wurde zügig gesteigert, so daß der Brillen-Betrieb im vierten Quartal des gleichen Jahres 70.000 Brillengläser ausliefern und schon Duopal-, Star- und Katralgläser herstellen konnte.{14}
Von besonderer Bedeutung war der Aufbau einer eigenen Gießerei, in der am 22. Juni 1948 der erste Abstich des selbstkonstruierten Kupolofens erfolgte.{15}
Erhebliche Aufwendungen waren notwendig, um die durch Bombardements und Demontage verwüsteten Produktionsgebäude wieder herzurichten. Im Hauptwerk wurden 50.000 m2 für die Fertigung wieder instand gesetzt, so daß im Dezember 1947 auf einer Gesamtfläche von 70.000 m2 gearbeitet werden konnte. Dazu war es nötig, 6.500 m2 Wandfläche neu zu errichten, auf 30.000 m2 Malerarbeiten auszuführen, 3.000 m2 Fensterglas einzusetzen, 2.500 m2 Parkettboden neu zu verlegen bzw. zu reparieren und 1.800 m2 Pflaster und Asphalt aufzubringen.{16}
Am 8. März 1947 zählte die Belegschaft noch 6.392 Mitarbeiter, davon waren 33,5 Prozent Angestellte und 66,5 Lohnarbeiter.17 Da es aber für diesen Personenkreis nach dem Abschluß der Demontage noch nicht genügend Beschäftigung gab, mußten ca. 1.000 Arbeitskräfte beurlaubt werden, so daß die Belegschaftszahl im April 1947 auf 5.048 Arbeiter und Angestellte zurückging. Nachdem sich der Wiederaufbau zügiger als erwartet vollzog, rief man im Laufe des Jahres einen Teil der Beurlaubten ins Werk zurück. Ende 1947 beschäftigte das Zeiss-Werk wieder 6.233 Personen18 und im folgenden Jahr 9.000 Wissenschaftler, Ingenieure, Techniker, Kaufleute und Arbeiter. Damit war die Vorgabe des ersten Aufbauplans realisiert.{19}
Der Wiederaufbau wurde aus verschiedenen Quellen finanziert. 1947 erreichte die Geschäftsleitung, daß die Rechnungen für Leistungen, die sowjetische Militäreinheiten und Auftraggeber vor der Demontage in Anspruch genommen hatten,
{13} BACZ Nr. 15410 (FBL-Bericht: 18 Monate Aufbau).
{14} Schumann: Carl Zeiss. Einst und Jetzt, S. 636-637.
{15} BACZ Nr. 18947 (Zeittafel der ZBL Oktober 1946 - Dezember 1948).
{16} BACZ Nr. 6478 (Rechenschaftsbericht von Hugo Schrade auf der Betriebsversammlung des Zeiss- und des Glaswerkes am 5. Dezember 1947).
{17} BACZ Nr. 26785 (alt) (Personalstatistik vom 10. August 1947.).
{18} BACZ Nr. 6478 (Rechenschaftsbericht von Hugo Schrade vor der Belegschaft des Zeiss- und des Schott-Werkes am 5. Dezember 1947).
{19} Schumann: Carl Zeiss. Einst und Jetzt, S. 676.
Der Wiederaufbau des Zeiss-Werkes in Jena [Seite 59]
zum Teil beglichen wurden. Des Weiteren konnte das Contax-Programm abgerechnet werden. Sichere Einnahmen waren die Erlöse aus Reparationslieferungen und Verkäufen an sowjetische Handelsorganisationen. Während die Aufwendungen für die Reparationen aus dem thüringischen Staatshaushalt beglichen werden mußten, zahlten die Handelsorganisationen in bar. Im Laufe des Jahres 1947 lieferte das Zeiss-Werk Erzeugnisse im Wert von 8,9 Millionen RM und von Januar bis Juni 1948 für weitere 1,3 Millionen RM an sowjetische Auftraggeber. Der Anteil der Lieferungen der Firma Carl Zeiss Jena an die UdSSR am Gesamtumsatz und Anteil der sowjetischen Handelsorganisationen an diesen Lieferungen ist der Tabelle 8 im Tabellenanhang zu entnehmen.
1947 beanspruchte die UdSSR 67,1 und in den ersten sechs Monaten des Jahres 1948 16 Prozent vom Gesamtumsatz des Zeiss-Werkes.{20} Mit der allmählichen Wiederaufnahme der Produktion stiegen auch die Einnahmen aus dem Verkauf von Fertigerzeugnissen an die einheimische Bevölkerung. Allerdings wurden die finanziellen Resultate des Zeiss-Werkes durch die Preispolitik der Alliierten beeinträchtigt, denn in dem hier betrachten Zeitraum galten die Stopp-Preise des Jahres 1944, die schon bei ihrer Einführung nicht kostendeckend waren. Da inzwischen die Preise für Rohstoffe, Material und Halbzeuge unter der Hand weiter angestiegen waren, sah sich die Geschäftsleitung schon 1946 veranlaßt, bei den deutschen und sowjetischen Preisbehörden Anträge auf Preiserhöhung zu stellen, auf die zunächst nicht reagiert worden war. Immerhin ging es um Preiserhöhungen, die zwischen 70 Prozent für medizinische Geräte und 125 Prozent für astronomische Geräte lagen. Im September 1947 gab es ein gewisses Zugeständnis dahingehend, daß für Erzeugnisse, für die Preiserhöhungsanträge liefen, die beantragten Preise berechnet werden durften. Für Reparationslieferungen mußten weiterhin Preise angesetzt werden, die 1944/45 galten.{21}
Den entscheidenden Anteil an der Finanzierung des Wiederaufbaus hatten aber die Kredite von der Thüringischen Landesbank. Wie noch zu schildern ist, beschloß der Thüringische Landtag Anfang 1947 ein Gesetz zum Wiederaufbau der Stiftungsunternehmen, auf dessen Grundlage das Land eine Kreditbürgschaft von 35 Millionen RM übernahm. Davon entfielen 71 Prozent auf die Firma Carl Zeiss.{22} Auch für 1948 stellte die Landesregierung einen Wiederaufbaukredit von monatlich bis zu zwei Millionen RM bereit.{23}
Zwischen Januar 1947 und Juni 1948 wuchs der Umsatz der Firma Carl Zeiss bei einigen Rückschlägen allmählich an. In diesem Zeitraum realisierte das Unternehmen insgesamt 22,3 Millionen RM.{24} Die Tabelle 9 im Tabellenanhang vermittelt
{20} Quelle: Errechnet nach BACZ Nr. 23200 (Umsätze im Zeiss-Werk und Monatserfolgsmeldungen).
{21} BACZ Nr. 15293 (Interne Mitteilung über die Bestimmungen der SMAD über Reparationslieferungen vom 29. April 1947; Preisgestaltung vom 1. September 1947).
{22} BACZ Nr. 23341 (Vermerk über ein Telefonat zwischen Friedrich VVönne und Kohlitz vom 25. Januar 1947).
{23} BACZ Nr. 7792 (Materialsammlung Archiv. Chronik); Hellmuth: Die Entwicklung des VEB Carl Zeiss, S. 30-31.
{24} Errechnet nach BACZ Nr. 23200 (Umsätze im Zeiss-Werk und Monatserfolgsmeldungen).
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einen Eindruck von der Umsatzentwicklung in diesem Zeitraum. Im Frühjahr 1947 stellte das Zeiss-Werk erste Erzeugnisse auf der Leipziger Messe aus. Im folgenden Jahr konnten die Zeissianer das neue Mikroskop LgO, eine Phasenkontrasteinlichtung und die Kugelspiegellampe auf der Leipziger Frühjahrsmesse zeigen.{25}
[Bild 10]
Abb. 10 Zeiss-Messestand in Leipzig. Frühjahr 1947
Im Sommer 1948 war die erste Wiederaufbauetappe des Zeiss-Werkes weitgehend abgeschlossen.
[Ende des Textes für dieses Thema]
Die Abwehr des ersten Verstaatlichungsversuches
Als das Ende der Demontage der Stiftungsunternehmen unmittelbar bevorstand und die Stiftungsunternehmen in absehbarer Zeit ihre traditionelle Friedensproduktion wieder aufbauen konnten, kam es zur ersten Auseinandersetzung über die Verfassung der Carl-Zeiss-Stiftung. Während die Geschäftsleiter und die
{25} BACZ Nr. 9102 (Mikro-Vertrieb. Jahresbericht 1947/48 der Abteilung Mikro und Med).
[50 Seiten nicht kopiert, da nicht zu diesem Thema gehörend]
[Seite 110] 1949-1964 VEB Carl Zeiss JENA
Lücken besonders spürbar, die durch den Krieg und seine Folgen in der Stammbelegschaft entstanden waren. Von den ca. 16.000 Arbeitern und Angestellten, die Mitte des Jahrzehnts im Werk arbeiteten, gehörten lediglich 29,4 Prozent bereits während des Krieges zur Zeiss-Belegschaft. Nach Abschluß der Demontage nahmen 12.000 Arbeitskräfte ihre Tätigkeit im Zeiss-Werk auf und mußten von erfahrenen Zeissianern in fachlicher und mentaler Hinsicht mit dem Zeiss-Geist vertraut gemacht werden. Das war eine Grundvoraussetzung, um die Erzeugnisentwicklung im gebotenen Tempo und auf dem erforderlichen Niveau weiterzuführen, die Produkte in traditioneller Zeiss-Qualität und zu angemessenen Kosten herzustellen. Dabei wurden die erfahrenen Zeissianer durch die Kollegen unterstützt, die Anfang der fünfziger Jahre aus der UdSSR zurückkehrten.
[Fortsetzung zu diesem Thema]
Die Heimkehr der Zeissianer aus der UdSSR
Als Anfang 1951 die Werkleitung von Deportierten die Nachricht erhielt, daß deren Rückkehr bevorsteht, traf sie unverzüglich die nötigen Vorbereitungen für die Aufnahme der Kollegen. Es wurden Mitarbeiter mit der Betreuung der Heimkehrenden und deren Familien beauftragt{72} und finanzielle Mittel für die provisorische Unterbringung der Rückkehrenden sowie für den Ankauf von Möbel und Hausrat bereitgestellt. Im Geschäftsbericht per 30.9.1952 wurden unter der Rubrik „außergewöhnlicher Aufwand" 20.000 Mark Rückführungskosten ausgewiesen, die das Innenministerium der DDR nicht übernommen hatte. Außerdem waren 337.000 M Gehaltsaufwendungen für die ersten drei Monate außerplanmäßig angefallen.{73}
Die ersten 13 Heimkehrer trafen im August 1951 in Jena ein.{74} Unter ihnen waren die Doktoren Karl Gundlach und August Sonnefeld, zwei der Ältesten, die 1946 in die UdSSR verbracht worden waren.{75} Die überwiegende Mehrheit der Deportierten kam im Januar und Juni 1952 nach Jena zurück.{76} Sie wurden mit großer Herzlichkeit empfangen. Werkleitung und Betriebsgewerkschaftsleitung unternahmen alles, um ihnen das Gefühl zu geben, daß sie im Zeiss-Werk und in Jena willkommen sind.{77} Rudolf Müller, der Technische Hauptleiter, hält dazu in seinen Erinnerungen fest: "Wir Zeissianer bereiteten den Familien einen unbeschreiblich herzlichen Empfang. Die Zeiss-Kapelle
{72} BACZ Nr. 23736 (Materialien zur Frage der Rückkehr von Spezialisten aus der Sowjetunion nach Jena. Bericht der Betriebsparteiorganisation der SED an Dr. Hugo Schrade vom 16. März 1951).
{73} BACZ Nr. 15975 (Geschäftsbericht per 30. September 1952 des VEB Optik Carl Zeiss Jena).
{74} BACZ Nr. 20845 (Geschäftsbericht per 30. September 1951 des VEB Optik Carl Zeiss Jena); Nr. 9340 (Monatsbericht des Kulturdirektors vom 4. Oktober 1951 an das ZK der SED, Abteilung Agitation).
{75} BACZ Nr. 15863 (Schreiben des Kulturdirektors Schiek des VEB Carl Zeiss Jena an den Förderungsausschuß beim Stellvertreter des Ministerpräsidenten der DDR betr. Zuteilung von IN-Karten vom 17. August 51).
{76} BACZ Nr. 18934 (Zeittafel DAL 1952).
{77} BACZ Nr. 23736 (Materialien zur Frage der Rückkehr von Spezialisten aus der Sowjetunion nach Jena. Bericht der Betriebsparteiorganisation der SED an Dr. Hugo Schrade vom 16. März 1951).
Die Integration des Zeiss-Werkes in das staatssozialistische System [Seite 111]
[Bild 16)
Abb. 16 Dr. August Sonnefeld spricht auf dem Empfang für die ersten Rückkehrer aus der UdSSR. 7. August 1951
begrüßte ihre Kollegen mit Heimatliedern. ... Der Werkdirektor Dr. Hugo Schrade bereitete allen ein Wiedersehen mit der geliebten Heimat, die allen zu Herzen ging.{78}
Die Werkleitung bot jedem Rückkehrer eine Tätigkeit in seiner alten Abteilung an, sofern in den einzelnen Arbeitsgebieten inzwischen keine Strukturveränderungen eingetreten waren. Das ließ Hugo Schrade die Heimgekehrten in einer Zusammenkunft am 29. Juli 1952 wissen:
„Ich kann nicht sagen, nachdem Ihr 5 Jahre weg wart, der kommt dahin und der dahin. Das kann ich erst, wenn ich mit Euch gesprochen habe und weiß, was Ihr in der Sowjetunion geleistet habt. Deshalb habe ich angeordnet, daß erst einmal jeder auf seinen früheren Arbeitsplatz Anspruch erheben kann und gehaltlich so eingesetzt wird, wie er mutmaßlich die Entwicklung hier genommen hätte. Das sollte aber nur eine vorläufige Regelung sein. Im Verlauf eines Vierteljahres sollten die Dinge in Ordnung gebracht werden:"{79}
Die Zurückgekehrten erhielten nach einem Gespräch mit Hugo Schrade einen Arbeitsplatz, der ihrem beruflichen Werdegang entsprach. Mitarbeiter, die vor ihrem Abtransport als Meisterstellvertreter oder Techniker beschäftigt waren,
{78} NL XIII/13 Rudolf Müller - Erinnerungen.
{79} BACZ Nr. 23736 (Protokoll über die Aussprache von Vertretern der Werkleitung, BPO, BGL, und der Kreisleitung der SED am 29. Juni 1952).
[Seite 112] 1949-1964 VEB Carl Zeiss JENA
erhielten Meisterstellen oder wurden als Vollkonstrukteure eingesetzt. Ältere Kollegen, die noch nicht in Rente gehen mochten, übernahmen Kontroll- oder Anleitungsaufgaben.
Um eine gute Aufnahme der Heimkehrer war man aber nicht nur im Zeiss-Werk bemüht Auch die SED-Parteileitungen und das Ministerium achteten auf eine reibungslose Wiedereingliederung, denn es sollte alles unterbleiben, was die Fachleute veranlassen könnte, nach Westdeutschland weiterzureisen. Bei manchem Zeissianer, der die harte Wiederaufbauzeit durchlebt hatte, stieß die politisch gewollte Bevorzugung der „SU-Spezialisten" auf Vorbehalte. Das traf besonders zu, wenn der eine oder andere Rückkehrer den Eindruck erweckte, er sei durch den Aufenthalt in der Sowjetunion dazu prädestiniert, im Werk eine Leitungsfunktion zu übernehmen. Dazu stellt Rudolf Müller rückblickend fest:
„Einige umgaben sich mit dem Nimbus eines in der SU qualifizierten Kommunisten, der schließlich Anerkennung der vielen Entsagungen - denen auch nicht in dem durch den faschistischen Krieg so unerträglich hart geprüften Lande er entgehen konnte - verlangen kann. Sie sahen ihre Chance darin, im Werk nun, ihre Politik' durchsetzen zu können. Sie hatten sich offensichtlich einiges vorgenommen und gaben sich, als wenn das ZK der SED ihnen einen solchen Auftrag gegeben haben könnte. Offensichtlich sorgten sie für einen schnellen Einsatz des Heimkehrers Dr. Paul Görlich als Hauptleiter für Forschung und Entwicklung. Braune wurde als Hauptleiter der Kaderabteilung und Röhrdanz als Direktor für Arbeit eingesetzt Eine gesteuerte Unruhe schlich sich durch die Reihen der leitenden Kader. ... Mich umgab ein geheimnisvolles Mißtrauen der ‚Neuen'. Kaum einer stellte sich aber den aktuellen Belangen des Betriebes!"{80}
Ein besonderes Problem bestand in der Bereitstellung von Wohnraum für diejenigen, die mit ihren Familien in der UdSSR gelebt hatten. Es mußten Unterkünfte für 169 Familien beschafft werden {81}, deren frühere Wohnungen inzwischen von Jenaer Einwohnern oder Umsiedlern, darunter "eine Reihe von Aktivisten und Angehörigen der schaffenden Intelligenz",{82} belegt waren. Die Beratungen zur Wohnungsfrage mit der Stadtverwaltung ergaben, daß 30 Wohneinheiten mit 2-3 Zimmern in der Baugenossenschaft und 50 Wohnungen vom städtischen Wohnungsamt bereitgestellt werden können. Um den Bedarf einigermaßen zu befriedigen, war der Neubau von 90 Wohnungen nötig. Im Programm der staatlichen Intelligenzpolitik, das den Bau von 300 Einfamilienhäusern in der gesamten DDR vorsah, erhielt Jena Investitionsmittel für zehn derartige Neubauten.{83} Die Bemühungen ergaben im August 1951, daß in der Camburger
{80} NL XIII/13 Rudolf Müller - Erinnerungen.
{81} BACZ Nr. 23736 (Schreiben der Werkleitung an den Oberbürgermeister der Stadt Jena vom 27. Februar 1951 die Unterbringung der zurückkehrenden Zeiss-Spezialisten betreffend).
{82} BACZ Nr. 23736 (Bericht der Betriebsparteiorganisation an Hugo Schrade vom 16. März 1951).
{83} BACZ Ni.. 23736 (Besprechungsniederschrift vom 13. März 1951).
Die Integration des Zeiss-Werkes in das staatssozialistische System [Seite 113]
[Bild 17] [Bild 18]
Abb. 17 Rudolf Müller (links) begrüßt den Konstruktionsleiter Hermann Schrumpf
Abb. 18 Wilhelm Lutz
[Bild 19] [Bild 20]
Abb. 19 Meister Paul Schnerr mit Tochter Heidi (Hintergrund)
Abb. 20 Sepp Bauer (links) mit Rückkehrer Dr. Harald Straubel (rechts)
Abb. 17-20 Begrüßung von Heimkehrern aus der UdSSR. 9. Juni 1952
[Seite 114] 1949-1964 VEB Carl Zeiss JENA
Straße 40 Wohnungen gebaut wurden. Für weitere 60 Rückkehrer mußten andere Möglichkeiten gefunden werden.{84}
Aufgrund eines Antrages von Hugo Schrade an den Stellvertretenden Ministerpräsidenten Heinrich Rau erhielt die Stadtverwaltung die Zusage, daß 1952 in Jena weitere ca. 100 Wohnungen für die Intelligenz zusätzlich gebaut werden können.{85} Anfang Februar 1952, einen halben Monat nach Eintreffen der größten Heimkehrergruppe, berichtet der Kulturdirektor an das ZK der SED:
„Die Wohnungsbeschaffung hat anfänglich große Schwierigkeiten gemacht, ist aber im großen und ganzen zur Zufriedenheit der Spezialisten erledigt worden. Grundsätzlich sind die Heimkehrer in ihren früheren Wohnungen untergebracht worden. Soweit die Wohnungen nicht bis zum Eintreffen freigemacht werden konnten, wurden die heimkehrenden Kollegen mit ihren Familien im Hotel
vorübergehend untergebracht. (Jetzt sind alle Kollegen untergebracht. Beanstandungen liegen nicht vor.) ... Wir haben die Heimkehrer in allen Fragen ihrer neuen Seßhaftmachung weitgehend unterstützt, Wohnungen instand gesetzt, fehlenden Hausrat, Gasherde, Öfen, Küchenherde beschafft, sie beim Geldwechsel usw. usw. unterstützt. Schwierigkeiten hat es nirgendwo gegeben."{86}
Zeitweilige Unstimmigkeiten vor allem beim Geldwechsel, die zu Mißmut und Unruhe unter den Heimkehrern führten, wurden geklärt und in Ordnung gebracht.{87}
26 Wissenschaftler und Ingenieure, die in Krasnogorsk, Leningrad, Moskau und Kiew an militärischen Aufgaben gearbeitet oder größere Einblicke gewonnen hatten, waren 1952 noch in den sowjetischen Betrieben verblieben und wurden Mitte des Jahres 1953 für ein halbes Jahr auf die Insel Gorodomlia im Seligersee{88}, zwischen Leningrad und Moskau gelegen, umgesiedelt, bevor
sie im November 1953{89} die UdSSR verlassen konnten. Zu ihnen gehörten die
{84} BACZ Nr. 9329 (Protokoll über die Besprechung beim Oberbürgermeister Herdegen am 9. August 1951).
{85} BACZ Nr. 15802 (Schreiben Heinrich Rau an den Oberbürgermeister der Stadt Jena vom 8. Februar 1952).
{86} BACZ Nr. 9340 (Monatsbericht des Kulturdirektors an das ZK der SED vom 5. Februar 1952)
{87} Anfang des Jahres 1951 hatte man festgelegt, daß die Heimkehrer ihren Rubelverdienst zum Kurs ein Rubel zu 0,63 bzw. 0,68 Mark umtauschen können. Siehe BACZ Nr. 23736 (Niederschrift einer Besprechung in Berlin am 13. März 1951). Geldüberweisungen der deutschen Spezialisten aus der Sowjetunion während der Zeit ihres Aufenthaltes an ihre Angehörigen in der DDR waren aber zu einem Kurs von 1 Rubel in 2 DM erfolgt Deshalb wurde der Geld umtausch noch einmal neu geregelt: Die Hälfte des zuletzt bezogenen Gehaltes sollte im Verhältnis 1:2, der Rest im Verhältnis 1:0,63 Rubel in Deutsche Mark umgetauscht werden. Dennoch kam es anfangs zur Überweisung von Beträgen, die nicht den Erwartungen de Spezialisten entsprachen. Erst nach erfolgten Einsprüchen seitens des Betriebes wurden die Geldüberweisungen nachträglich aufgebessert. Siehe BACZ Nr. 9340 (Monatsbericht des Kulturdirektors an das ZK der SED vom 1. April 52)
{88} Auf dieser Insel hatten seit 1946 deutsche Raketenspezialisten gelebt und gearbeitet 1953 waren nur noch wenige da, die ebenfalls „vergessen" sollten.
{89} BACZ Nr. 19600 (SU-Heimkehrer - Namensaufstellung betreffs Einzelverträge und Alters versorgung vom 12. Mai 54 von EHB/Her) und nach Aussage des Sohnes von Fritz Straube Otto Straube, der als Kind (Jahrgang 1939) mit seinen Eltern in Leningrad und auf der Insel Gorodomlia weilte.
Die Integration des Zeiss-Werkes in das staatssozialistische System [Seite 115]
ehemaligen Betriebsleiter Oskar Bihlmeier, Georg Kresse, Dr. Konrad Kühne aus dem Quarzlabor, der Astro-Werkmeister Walter Pfaff, die Doktoren Herbert Kortum und Wilhelm Kämmerer, die in einem Moskauer Rüstungsbetrieb gearbeitet hatten, sowie der Ingenieur Fritz Straube, der von Herbert Kortum während der „Quarantäne" in die gedankliche Vorbereitung einer elektronischen Rechenmaschine, der späteren OPREMA, einbezogen wurde.{90}
[Bild 21]
Abb. 21 Heimkehr der Familie Fritz Straube aus der UdSSR. 26. November 1953
[Ende des Textes zu diesem Thema]
Das Wachstum und die strukturelle Veränderung der Belegschaft
Wie schon an anderer Stelle dargestellt, bestimmte das zuständige Ministerium durch die Vorgabe von Kennziffern Umfang und Grundstruktur der Zeiss-Belegschaft. Nachdem die Zeiss-Belegschaft in der ersten Hälfte der fünfziger Jahre stark anwuchs, blieb bis zur Mitte der sechziger Jahre die Anzahl der Beschäftigten weitgehend konstant. Von 1950 bis 1954 stieg die Beschäftigtenzahl von 10.496 auf 16.554. 1954 hatten die Jenaer Betriebe einen unterschiedlich großen Anteil an den Beschäftigten des Werkes. Auf den Fertigungsbetrieb entfielen 36,5 und auf den Brillenbetrieb lediglich 3,7 Prozent.91 Die Tabelle 12 im Tabellenanhang gibt darüber nähere Auskunft.
1965 arbeiteten im Zeiss-Werk 17.161 Arbeiter und Angestellte.92 Die Tabelle 13 im Tabellenanhang vermittelt einen Eindruck von der quantitativen Entwicklung der Belegschaft des VEB Carl Zeiss JENA.
1965 arbeiteten 83 Prozent der Beschäftigten des VEB Carl Zeiss JENA in den Laboratorien, Konstruktionsbüros und Fertigungsstätten in Jena. 17 Prozent waren in den neun Fertigungsstätten tätig, deren Standorte sich in verschiedenen
Regionen der DDR befanden, davon 8,5 Prozent in Saalfeld, 3,9 Prozent in Eisfeld und 1,9 Prozent in Lommatzsch. Die restlichen Beschäftigten arbeiteten in kleineren Fertigungsstätten.
In dem betrachteten Zeitraum vollzog sich in der Belegschaft eine Reihe struktureller Veränderungen. Zwischen 1950 und 1960 ging der Anteil der Produktionsarbeiter von 68,4 auf 60,5 Prozent zurück. Demgegenüber nahm der Anteil des technischen Personals sowie des übrigen industriellen und nichtindustriellen Personals von 31,6 auf 39,5 Prozent zu. Bemerkenswert ist, daß sich die Proportionen zwischen den letztgenannten drei Beschäftigungsgruppen verschoben. 1955 hatte das technische Personal einen Anteil von 27, das sonstige industrielle
{90} Nach Aussage von Otto Straube.
{91} Zusammengestellt und errechnet nach BACZ Nr. 18934 (Chronik der Abteilung Arbeit).
{92} In Vollbeschäftigteneinheiten und ohne Lehrlinge. Statistisches Jahrbuch 1965 des VEB Carl Zeiss JENA, S. 15.